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Des Säufers Zähmung

Fahrbericht Pontiac Trans Sport 3.8 V6 (erste Generation, Bj. ’93)

Mein Verhältnis zu diesem Auto war schon immer gespalten. Daran hat sich nicht viel geändert, seit ich letzte Woche rund 1300 km damit rumfahren durfte. Aber interessant war’s schon.

Als er ’90 rauskam, war er ein Ding wie aus einer anderen Welt. Assoziationen zum ICE waren allgegenwärtig. Dieses Auto faszinierte, aber eher so, wie auch eine Citroen DS oder ein 928 faszinieren. Eine Berührung mit meiner Welt, damals der eines Käferfahrers, konnte ich mir nicht vorstellen. Und selten war der Trans Sport schon damals, also waren schon die Begegnungen nicht gerade alltägich.

’95 dann aus heiterem Himmel der erste Kontakt. Welch ein Schock! Da fährt man in Heilbronn mit dem Taxi vom Bahnhof zum Verlag, und das Taxi ist ein Trans Sport – im Zustand 4, gnadenlos runtergeritten und klappernd an allen Ecken und Enden. Überall lose Plastikteile, Flecken, Dreck, Geruch. Widerlich. Ich war von diesem Faszinosum kuriert, ein für alle Mal. Glaubte ich.

Bis letzte Woche. Firmenwagenmangel, so kommt auch ein normaler Entwickler mal zu der Ehre, ein Geschäftsleitungsauto zu fahren. Und dann gleich ’ne ganze Woche! Nu bin ich nicht gerade heiß auf sowas, Chefs A8 wollt ich nicht, zumindest nicht übers Wochenende im Tausch gegen mein Käfer Cabrio – aber Pontiac, das ist was anderes.

Reinsetzen und erschrecken: wo fängt er an, wo hört er auf? Vor mir unendliche Weiten: das Armaturenbrett. Dann kommt das Ende der Welt: die Frontscheibenunterkante. Der Meter davor ist nicht zu sehen. Na klasse. Nachdem ich mich mit so normalerweise profanen Dingen wie Sitzverstellung, Zündschloß und Schaltung (Lenkrad-Automatik-Wählhebel) vertraut gemacht habe, Motor an. *vrumm*, leise, aber vielversprechend. Hebel auf D, Bremsen los, zart aufs Gas – hey, warte auf mich!

Man gewöhnt sich an alles. Auch daran, daß die futuristische Form nur außen stattfindet. Innen herrscht das Ambiente eines japanischen Kleinbusses aus den frühen 80er Jahren, trotz gepolstertem Armaturenbrett und Ledersitzen: alles in tristem Grau, abgrundhäßliches Lenkrad, wahllos verstreute Schalter (die Klimaanlage hat mehr als mein ganzer Golf, und alle sehen gleich aus, sehr ergonomisch). Die Instrumente sind reichhaltig, aber sinnlos (wer braucht bei Automatik einen Drehzahlmesser?), und sehen auch aus wie japanischer Spätbarock. Nett die mechanische Fahrstufenanzeige und der ebensolche Kilometerzähler: Details, an denen man das Alter merkt.

Fahren tut er ganz ordentlich, doch, ja. Die Bremsen sind ab 160 leicht überfordert, aber das Fahrwerk taugt – wenn es auch überraschend straff ist, wenigstens wankt die Kiste nicht wie ein Schiff bei Sturm. Tacho 170 ist ein entspanntes Reisetempo, mehr mag auch der Tempomat nicht, was soll’s also. Das richtige Auto zum Stundenlang-geradeaus- Fahren, kurvige Landstraßen sind ungemütlich, dafür sorgen schon die seitenführungsfreien Sitze und die gefühllose Lenkung. Aber auf der Autobahn nach Antippen der Bremse entspannt auf die langsameren Benutzer der linken Spur zuzurollen, um nach deren Verschwinden durch einfaches Antippen des „Resume“-Knopfs des Tempomats vom V6 wieder auf 170 geschossen zu werden, doch, das hat was.

Man gut, daß ich den Sprit nicht zahlen muß. 18,3 Liter auf 100 Kilometer. Naja, wenigstens bloß Normal. Reichweite bei Volldampf: rund 400 km, aber mangels Kanister war ich meist schon nach 300 an der Tanke. Und all die überholten LKWs waren zur zweiten Runde wieder vor mir.

Am Zielort als Stadtauto zeigt er unerwartete Qualitäten: die ungeahnte Leichtigkeit des Seins. Kuppeln, Schalten, Kurbeln, Schwitzen, Frieren … finden einfach nicht statt. Man sitzt hoch, versperrt anderen den Blick und sieht selber prima. Man tritt aufs Gas und deklassiert auch die aufdringlichsten unter den anderen Verkehrsteilnehmern, wenn sie mal wieder in den ansehnlichen Auspuff zu kriechen versuchen. Man kann der Bedienung am McDrive in die Augen sehen. Man wird durch sanfte Ping-Laute erinnert, daß der Schlüssel noch steckt, das Licht an ist oder man beim Anlassen nicht auf die Bremse tritt. Aufkleber warnen vor der Gefahr, sich beim Öffnen der Tür den Kopf zu stoßen. Es gibt fünf Intervallstufen für die Scheibenwischer, die wie einst beim /8er sich in Ruhestellung übereinanderlegen. Wo andere Autos eine Innenleuchte haben, hat dieses eine Flutlichtanlage, bis hin zur Fußraumbeleuchtung. Und man verbraucht um die 14 Liter. Naja.

Die Rückfahrt am Freitag des vergangenen Stauwochenendes war nicht gerade vielversprechend, also entschloß ich mich zu einer ausgedehnten Landstraßentour fernab der ausgetrampelten Verkehrswege. An deren Ende standen 400 km auf dem Tageszähler, aber der Pontiac mochte trotzdem nur 41,6 Liter zu sich nehmen. 10,4 Liter auf 100 km, trotz gelegentlichen Überholgalopps mit Kickdown und Gebrüll, meine Güte – ich war fast versöhnt :-)

Fazit: das Ding hat was. Auf dem Parkplatz sieht es immer noch neuer aus als die meisten Neuwagen, Platzangebot geht so (für’n Minivan, absolut ist es natürlich reichlich), Bedienung ist teilweise umständlich, aber das Wesentliche absolut streßfrei. Und interessant ist es auch: V6, aber Quermotor und Frontantrieb. Kunststoffkarosserie. Und immer wieder dieser Gegensatz von futuristischem Design außen und geradezu rührend altmodischen Details innen.

Gerade wegen seinem Mangel an Perfektion, vulgo „Charakter“, ist mir dieser Spritfresser irgendwie symphatisch. Vom Layout her ein „Riesen-Beetle“, gerade auch was den Ausblick betrifft, bestimmt genauso individualistisch, aber nicht so bemüht dabei. Einfach interessant. Gerade auch im Vergleich zu seinem unsäglichen Nachfolger, hierzulande bekannter als Opel „der Flop“ Sintra, der, wenn er neben dem echten Trans Sport steht, eher aussieht wie dessen Vorgänger.

Ob ich mir einen der wahren Trans Sport kaufen würde? Naja, als 2.3 16V könnt ich ihn mir vermutlich sogar leisten. Aber irgendwie wäre das nicht dasselbe. Vermutlich bin ich glücklicher, wenn ich mich seiner bloß wohlwollend erinnere. Vielleicht überleg ich’s mir, wenn er 20 wird, denn dann kommt ein weiterer Kontrast dazu: rote Oldienummer, aber immer noch topaktuelles Design.

Dieser Artikel erschien am 29.4.2001 in der Usenet-Gruppe de.etc.fahrzeug.auto, lag seit etwa 2004 auf ermel.org im Web und lebt seit November 2017 hier — aber mit dem Datum von damals, damit niemand denkt, er sei aktuell ;-)

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