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Von einem, der auszog, gen Leipzig zu fahren

Ja, okay, es war auch ein bißchen meine Schuld, daß ich letzttach mit dem Auto zum Leipziger Hauptbahnhof gefahren bin, obwohl ich gar nicht zum Leipziger Hauptbahnhof mußte, sondern irgendwo an den Leipziger Stadtrand hin, was auch gar kein Problem gewesen wäre, wenn ich denn gleich dahin gefahren wäre.

So bin ich denn aber zum Leipziger Hauptbahnhof gefahren. Und das war die Hölle. Ich hab ja schon oft und gern über Hannover und seine Verkehrsführung gelästert, aber herrjeh, gegen Leipzig ist Hannover ein einziger Großparkplatz ohne irgendwelche Verkehrsprobleme. (Gut: Hannover ist auch sonst nicht viel mehr als ein Großparkplatz mit Wohngelegenheiten, das stimmt schon.) Von der Autobahn zum Hauptbahnhof, das dauert da doch schlimmstenfalls ne Dreiviertelstunde. Zu Fuß.

Zu Fuß hätte es in Leipzig möglicherweise auch nicht viel länger gedauert, das mag ja sein. Aber wer da auf die Idee gekommen ist, ca. 37 Großbaustellen gleichzeitig anzulegen, der hat entweder ne Straßenbahn-Monatskarte, einen Privathubschrauber oder, was am wahrscheinlichsten ist, wohnt in Halle. Da bauen die u.a. einen mörderisch großstädtischen Boulevard, mit drei Fahrspuren je Richtung, Tram in der Mitte und Bürgersteigen, auf denen man Sattelschlepper wenden könnte, ohne zurückzusetzen. Alles vom Feinsten, Feinsteingut-Pflaster und Chrom-und-Glas-Bushaltestellenhäuschen inklusive. Nur die Fahrbahndecke fehlt. Und mittendurch steht ein Stau von Kraftwagen, schön ordentlich links und rechts eingefaßt von brandneuen Baustellen-Absperrbaken, und bewegt sich um knapp eine Autolänge pro Minute stadteinwärts.

Das war ja schon nicht besonders schön, aber nagut, sowas kann mal passieren. Richtig den Haß bekam ich auch erst, als ich, am Hauptbahnhof angekommen, herausfand, daß ich da gar nicht hinmußte. „Und wie komm ich nun zur Dingensstraße?“, frug ich den freundlichen Leipziger, der mir diese bittere Wahrheit eröffnet hatte. „Da fahren Sie“, ich lasse den Dialekt hier mal lieber weg, „da fahren sie hier vom Parkplatz runter, dann links und immer geradeaus.“ „Das glaube ich nicht“, erwiderte ich, „da ist doch die Baustelle, das geht doch nur stadteinwärts da.“ „Oh“, meint der, „da hab ich ja jetzt gar nicht mehr dran gedacht. Dann wird das ja richtig kompliziert.“

Ich solle, so er weiter, immer grob auf jenes Hochhaus dort am Horizont zuhalten und dann dahinter links abbiegen. Ich mach das (das sagt sich so leicht: eine halbe Stunde hat’s schon gedauert, es zu erreichen) und steh nach dem Abbiegen prompt im Wohngebiet. Mehr Einbahnstraßen als Häuser.

Hier funktionierte dann irgendwann nur noch die Navigationsmethode, die Douglas Adams einst für Cambridge vorschlug: solange immer schneller werdend im Kreis fahren, bis einen die Fliehkraft rausträgt, und dann versuchen rauszubekommen, in welche Richtung man nun rausgeflogen ist. Den blauen Schildern Richtung Autobahn nach, dachte ich, kann man ansich nicht viel verkehrtmachen. Klappt aber nur, wenn die einigermaßen konsistent an jeder Kreuzung, wo man abbiegen müßte, stehen. Klappt also nicht in Leipzig.

Dafür gabs dann Massen dieser schönen weißen „Bitte einordnen“-Verkehrtschilder: unten zwei bis vier Linien, die sich über ein lustiges Muster in drei bis sechs Pfeilspitzen oben verästeln, die in zwei bis vier Richtungen weisen. Tolle Sache. Nur steht da leider nirgends, welcher Pfeil zu welchem Ziel gehört. Eigentlich steht auf dem ganzen Schild kein einziges Ziel. So weiß ich dann, wenn ich halblinks fahren will, muß ich auf die zweite Spur von links. Aber woher soll ich wissen, wohin ich fahren will?

Naja, mit Hilfe des Sonnenstandes, des Erdmagnetfeldes, einer guten Portion mutigen Ratens und nicht zuletzt ebenso mutigen Ignorierens irgendwelcher durchgezogenen Linien und ähnlichen Unsinns gelang es mir schlußendlich, den Moloch (wie ich diese Stadt fortan zu nennen gedenke) zu verlassen, die Autobahn zu erreichen und dann von der richtigen Ausfahrt mit der inzwischen ertelefonierten richtigen Wegbeschreibung einen neuen Versuch zu starten. Und das ging dann ja auch prima. Aber ganz ehrlich, liebe Leipziger Stadtväter: als ich mit einem tiefen Seufzer das Gaspedal durchtrat auf dem Beschleunigungsstreifen, erstmals seit drei Stunden wieder schneller als 40 fahrend, da war die Versuchung doch schon sehr groß, dieses Leipzig komplett zu vergessen und unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu fahren.

Und wenn Ihr meint, daß das der Eindruck ist, den ein Besucher von Eurer Stadt haben sollte, dann macht doch ruhig einfach weiter so.

Empfiehlt jedenfalls und freut sich auf seinen nächsten Besuch in Hannover (und hätte dieses vorher nie im Leben für möglich gehalten):
   Euer Dieter Schlabonski.

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