«

»

Bei lebendigem Leibe

Es begab sich aber zu einer Zeit, da ein gewisser Herr Kohl noch recht frisch war als Kanzler, daß mein Hausarzt zu mir sprach und sagte: Mit den Mandeln isses ja kein Wunder, daß Du dauernd erkältet bist; nimm Dir mal für nächste Woche nix vor, die müssen raus.

Und so lag ich denn ein paar Tage später auf einer beräderten Liege in einem seltsamerweise katholischen Krankenhaus und ertrug tapfer, wie sich mehrere Millimeter durchbohrten Stahls in meinen Arm senkten, und es sprach eine gar liebliche Stimme zu mir: Zählen Sie mal bitte laut bis zehn.

Und ich hub zu zählen an, war bei Erreichen der Acht schon erstaunt, der Zehn stolz, der Dreizehn bereits leicht beunruhigt. Als dann auf Höhe der Siebzehn jemand begann, mich anderswohinzuschieben, fing ich allmählich an, mir Sorgen zu machen. Bei der Vierundzwanzig stellte ich, immer noch rollend, das Zählen ein und sagte so etwas wie: Übrigens, ich bin noch wach.

Soweit der Plan. Tatsächlich sagte ich ziemlich genau … gar nichts. Weder Lippen noch Zunge noch Stimmbänder ließen sich zur Mitarbeit überreden. Und ungefähr hier begann die Panik.

Ich wollte doch nicht bei lebendigem Leibe unters Messer! Bei vollem Bewußtsein gar! Doch mich mitzuteilen, war und blieb unmöglich. „Ach, Mister Anderson. Was nützt Ihnen schon ein Telefongespräch, wenn Sie nicht in der Lage sind zu sprechen?“ Als Smith viele Jahre später diese Worte zu Neo sprach, hatte ich ein Deja-Vu.

Aber eigentlich ulkig, daß ich nicht sprechen kann, dachte ein anderer Teil meines Hirns nebenher, denn eigentlich war ich doch eben noch laut am Zählen. Oder? Ich konnte mich klar an eine laute „Eins“ und „Zwei“ erinnern. An eine „Vierzehn“ oder „Einundzwanzig“ aber irgendwie nicht. Komisch.

Und während ich noch so panisch im Kreis am Denken war, sprach eine andere, aber ebenso liebliche Stimme zu mir: Huch, Sie sind ja schon wach.

Ich weiß nicht, was die mir da für ein Zeug gespritzt haben, aber es war wie eine Pause-Taste fürs Hirn. Weg war ich, wie spätere Nachforschungen ergaben, schon nach der Drei gewesen. Fiese Sache, das. (Alles andere an dem Krankenhausaufenthalt war eher lustig; man wird nie so oft zum Lachen gebracht von seinen sogenannten Freunden wie dann, wenn die wissen, daß Lachen wehtut.)

1 Kommentar

  1. Stefan

    Donnerschlag! Mir sind ja kalte Schauer über den Rücken gelaufen! Ein toller Spannungsbogen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>