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Der Tag, an dem niemand stirbt

Fast jeder Radiosender dröhnt mir derzeit folgende Zeilen ins Ohr:


If everyone cared and nobody cried
If everyone loved and nobody lied
If everyone shared and swallowed their pride
Would we see the day that nobody died?

Wenn sich jeder kümmern würde und niemand weinen tät; wenn jeder lieben würde und niemand am Lügen wäre; wenn jeder teilen täte und seinen Stolz hinunterschluckte; würden wir dann den Tag sehen, an dem niemand sterben würde?

Das klingt zunächst mal wie Lennons „Imagine“ auf schlechten Drogen, aber das eigentliche Problem, das ich mit diesen Zeilen habe, liegt tiefer. Denn zum einen hat z.B. mein Stolz, auch wenn ich ihn nicht verschlucke, soweit ich weiß noch keinen umgebracht, genausowenig wie die von mir erzählten Lügen oder die tränenreichen Szenen, zu denen ich leider auch schon mal den Anlaß bot. Insofern bin ich mir ob der Todesrate erstmal keiner Schuld bewußt und wüßte nicht, was ich an mir ändern sollte, um sie zu senken.

Zum anderen aber würde ich sie auch gar nicht senken wollen, selbst wenn ich’s könnte.

Der Tag, an dem niemand stirbt: ein Horrorszenario! Allein die vielen tödlich Verletzten, die dann noch länger auf Erlösung warten müßten. Die Alten, die nichts mehr erhoffen als den Tod. Brr. Also mir wird schon schlecht beim Gedanken, unter eine S-Bahn zu geraten und dann in solch zerfleddertem Zustand noch ein paar dutzend Stunden auf den Mann mit der Blockschrift-Stimme warten zu müssen.

Und eh jetzt wieder einer ankommt und meint, der Autor des Liedes habe doch wohl eindeutig von einem Tag geschrieben, an dem all solch Unbill nicht passiere, dann muß ich auch dem leider entgegnen, daß das mal eben 150.000 Leute mehr auf unserem, wie Paul Simon ganz richtig bemerkte, unter der Last einer jeden Geburt aufstöhnenden Planeten wären. Ich kann wirklich nur hoffen, daß es solcher Tage wenn, dann nicht allzuviele geben möge. Weitere 200.000 am Tag, wie wir sie eh schon haben, sind schlimm genug.

Die erwähnten Songs sind „If Everyone Cared“ von Nickelback und „Born at the Right Time“ von Paul Simon.

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