«

»

Trabb trabb — der Trabi

Eine Bedienungsanleitung

Nur vorsichtig nähert sich der gelernte Wessi der automobilen Errungenschaft des realexistierthabenden Sozialismus und fragt sich: ist es ein Auto, oder ist es doch nur ein Trabiwitz? Gar zu zierlich mutet an, was da in Toilettenkachelblau, Wählscheibentelefongrün, Hornhautumbra oder natürlich dem allgegenwärtigen Plattenbaubetongrau vor ihm steht und sich fast hinter der daneben geparkten Goldwing verstecken kann. Doch tatsächlich: es hat vier (Schubkarren-)Räder und zwei (Waschbeckenunterschrank-)Türen, es hat sechs (Sehschlitz-)Fenster, man kann hineinsehen und vermutlich auch hinaus, und drin ist es möbliert mit zaghaft gepolstertem Gartengestühl in geschmackvollem Durchfallbraun. Es hat sogar ein Lenkrad. Es muß wohl doch ein Auto sein.

Behutsam läßt er den zierlichen Schlüssel ins Türschloß gleikratzen, zaghaft dreht er ihn, fast schon ängstlich drückt er den Knopf in der baumaschinell anmutenden Hartplastklinke, und siehe da: mit einem satten Prapp öffnet sich die Pforte und gibt mit dem sich bietenden Anblick Anlaß zur Überlegung, wie man sich denn in den zur Verfügung stehenden Platz hineinzufalten gedenke. Aber wer Kamasutra kann oder ersatzweise Origami, dem gelingt auch dies, und erschüttert läßt er den Blick über die in ihrer Spartanität schon fast nichtvorhanden anmutende Instrumentierung gleiten. Sehr übersichtlich, würde Herr von Bülow wohl sagen; das hat aber immerhin den nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß die Bedienungselemente trotz ihrer teils ungewohnten Form und Anordnung sich dem Auffinden nicht dauerhaft entziehen können.

Also nur Mut, den Schlüssel ins Schloß, eifrig gedreht, und was bitte ist das? Da klötert auf einmal etwas im vorderen Bereich des Fahrzeuges herum, als führe man bereits mit mehrstelliger Geschwindigkeit und sei gerade dabei, das Getriebe auf der Fahrbahn zu verteilen. Doch nur keine Panik: nähere Untersuchungen haben ergeben, daß das bemitleidenswert unmelodische Geschepper das normale Betriebsgeräusch dessen ist, was wir hier mangels eines besseren Wortes den Motor nennen wollen. Noch uneins allerdings ist sich die Forschung darüber, wie man mit nur sieben bewegten Teilen eine Lärmkulisse zu erzeugen vermag, die eher an die zehnfache Anzahl zudem völlig loser Teile gemahnt, die in einem Blecheimer rege geschüttelt werden.

Ein vorsichtiger Tritt aufs rechteste der zierlichen Pedälchen verändert diese Geräuschkulisse ins Hektische, auch wird sie deutlich lauter. Dieser Effekt, es sei hier vorweggenommen, ist auch dann noch der hauptsächlich auf diese Weise zu erzielende, wenn die Fuhre Fahrt aufgenommen hat; eine wesentliche oder gar spürbare Änderung der Geschwindigkeit hat solcherlei Tun jedenfalls nicht zur Folge. Dennoch muß eine solche aber gelegentlich stattfinden, denn wenn man nach Einrücken des ersten Ganges mit dem Krückstock und Loslassen des linken Pedälches solches tut, kann man nach endlicher Zeit durch Vergleich der Aussicht durch die Sehschlitze feststellen, daß das Gefährt tatsächlich seinen Standort verändert hat, ja mehr noch, daß es dies auch kontinuierlich weiter tut: es fährt! Und wenn man nach längerem Stochern einen der immerhin drei angebotenen höheren Gänge gefunden hat, fährt es sogar schneller, als man laufen kann. Nicht zu fassen.

Mit zornigem Gebrüll hetzt der unterdimensionierte Hartkunststoffbomber nun also der ersten Kurve entgegen. Obacht! Jetzt bloß nicht übermütig werden, brav und rechtzeitig das mittlere Pedälchen bedienen, sonst ist man ratzfatz in die Gruppe wartender Überhauptnichtmotorisierter dort an der Tramhaltestelle gewichst, und dann müssen die wieder minutenlang die Duroplastsplitter aus den Profilen ihrer Schuhsohlen kratzen. Das wollen wir ja nun auch nicht. Und nur keine Sorge: es bedarf heutzutage keiner um Gnade winselnden Diagonalreifchen mehr, um sich des Gespötts der Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen sicher zu sein, da genügt schon das Gedängel und das blaue Fähnlein aus dem hühnerknochendicken Abgasrohr.

Mitunter ist die Freude am gelungenen Start aber auch schon nach der ersten Kurve wieder eine gewesene, alldieweil das Geklöter jämmerlich erstirbt. Das hat oft, aber leider nicht immer die Ursache, daß der gelernte Wessi vergaß, den Kraftstoffhahn (der hier eigentlich korrekter „Lärmstoffhahn“ heißen sollte) in die korrekte Position zu drehen. Kann schon mal passieren nach nunmehr knapp einem halben Jahrhundert, in dem das kanonische Buckelauto des Wessis bereits ohne eine solche Vorrichtung auszukommen vermag.

Sollte der Zweizylinderzweitaktzerknalltreibling aber auch mit wiederhergestellter Kraftstoffzufuhr die Arbeit nicht wiederaufnehmen wollen, so bietet sich die Gelegenheit, einen weiteren Vorteil der sozialistischen Minimalmotorisierung zu würdigen: sie schiebt sich doch deutlich leichter als ein Touareg. Und nun versteht man auch, warum das Köfferräumchen der scherzhaft sogenannten Limousine so herzzerreißend winzig ausgefallen ist, daß schon ein größerer Atlas nur gefaltet duch seine Öffnung paßt: so behält man, die Anwesenheit der in der in gnadenloser Selbstironie so bezeichneten Top-Ausstattung „S de luxe“ serienmäßig vorhandenen heizbaren Heckscheibe vorausgesetzt, auch dann beim Schieben warme Finger, wenn es sich beim havarierten Trabanten nicht um einen der relativ seltenen Kleinstkombinationskraftwagen namens „Universal“ handelt, die den weiteren wesentlichen Vorteil bieten, daß man sogar ganze Bierkästen unzerlegt zuladen kann.

Ist unterdessen ein Standort erreicht, an dem man keine Gefahr läuft, vom Kühlerventilator eines vorbeifahrenden X5 angesaugt und zu Hackschnitzeln verarbeitet zu werden, vermag man sich getrost der Fehlersuche zu widmen. Diese wird aufgrund der bewährten Einsicht, daß nicht kaputt sein könne, was nicht da ist, relativ schnell zum Erfolg führen: das meiste, woran so ein A8, CX oder SL gemeinhin so verrecken, ist nämlich nicht da. Und im Zweifel ist auch das gesamte Triebwerk fix ausgebaut, locker aus dem Ellenbogengelenk über die Schulter geworfen und durch das vom erfahrenen Trabantlenker stets in der linken Hosentasche mitgeführte Reserveaggregat ersetzt.

Was zählen angesichts solcher Vorteile schon die kleinen Umstände, die das Leben mit dem Trabi so mit sich bringt? Wen kümmert es da noch, daß wesentliche Betriebsflüssigkeiten mittlerweile am einfachsten zu erstehen sind, indem man vorgibt, sie für den heimischen Rasenmäher zu benötigen? Was macht es schon, daß die Feinstaubemissionen des prähistorischen Antriebsaggregates nicht zu ermitteln sind, weil die Meßapparatur schon lange vorher an den Grobstaubemissionen verreckte? Wen interessiert, daß das Fuhrwerk trotz Duroplastkarosse sehr wohl strukturell bedenklich zu rosten vermag, nur eben so, daß man es nicht sieht, bis es auseinanderfällt?

Nein, er hat seinen Platz auf dem Olymp der deutschen Automobilgeschichte schon verdient, der Trabant 601. Generationen von Chiropraktikern und Ohrenärzten wären ärmer gewesen ohne ihn. Möge er noch lange vor sich hinklötern!

Doch bitte — nicht vor mir.

Wünscht sich jedenfalls
  Euer Dieter Schlabonski.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>