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Tod einer Volkspartei

Es ist ja fast schon irgendwie niedlich, wie führende Köpfe der SPD immer noch öffentlich von einem Wahlsieg bei der anstehenden Bundestagswahl träumen. Man setze sich seine Ziele immer von oben, meinte neulich einer: also absolute Mehrheit. Und wenn nicht, dann aber stärkste Partei. Und wenn nicht, dann aber [hier schneiden wir mal ein paar Minuten raus, d. Red.] doch bitte wenigstens ein paar Prozentpünktchen mehr als die FDP, winsel, fiep? Gut, das letzte hat er so nicht gesagt. Aber gedacht haben muß er’s eigentlich angesichts der Umfragewerte.

Gibt schon verblüffende Effekte derzeit. Keine Sau (das ist ein demoskopischer Fachbegriff) glaubt der Union ihre allzu durchsichtigen Wahlversprechen von Steuerentlastungen. Wie auch? Wer kann schon so naiv sein, mitten in einer Weltwirtschaftskrise und mit einer Staatsneuverschuldung, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch als Staatsgesamtverschuldung Stirnrunzeln hervorgerufen hätte, an Steuergeschenke zu glauben? Und obwohl aber die Union für jedermann offensichtlich das Blaue vom Himmel herunterlügt, schadet das ihren Umfrageergebnissen kein bißchen. Warum? Weil es in den Augen ihrer potentiellen Wähler keine Alternative mehr gibt. Autsch!

Aber wer soll denn auch schon noch SPD wählen? Ihre alte Stammwählerschaft, also eher links unten, haben sie seit Schröder so nachhaltig verarscht, daß es von denen mittlerweile auch der Dümmste gemerkt haben dürfte. Wer diesen Kurs aber gut findet, der wählt gleich das Original, also Schwarzgelb, und nicht die billige blaßrote Kopie. Wer nicht, der wählt eher die andere rote Alternative. Oder vielleicht auch die grüne, wenn er schon wieder vergessen hat, wie gut auch die einen verarschen kann. Was bleibt der SPD? Ein paar scheintote Mütterchen, die mit dem von der Parteizentrale gemieteten Kleinbus ins Wahllokal gekarrt werden und dort dann hoffentlich es noch schaffen, ihr Kreuz da zu machen, wo sie es schon seit 1923 immer (naja, fast immer, siegheil) gemacht haben.

Und trotzdem träumen die Genossen noch von einer Regierungsbeteiligung, man faßt es nicbt. Und nicht mal bloß in einer Neuauflage der großen Koalition, was ja immerhin denkbar wäre, wenn es für die FDP doch noch schlecht läuft (kann der Westerwelle eigentlich fallschirmspringen?), sondern mit Rotgrün. Oder doch wenigstens Rotgelbgrün.

Obwohl, so ne Ampel hätte schon fast was. Keine Partei in der Regierungskoalition hat dort die absolute Mehrheit, das hatten wir so auch noch nicht. Und es klingt nach interessanten Debatten, was ja an sich auch schon ein Fortschritt wäre. Am Wahlabend dürften sie mit etwas Pech erstmals auswürfeln, wer den Kanzler stellen darf …

Lustiger Traum, leider ohne Chance auf Realisierung. Was nach der Wahl bleiben wird? Egal ob mit Schwarzgelb oder Doch-nochmal-Schwarzrot, eins ist sicher: es wird bitter werden.

Schon jetzt denken sie ja laut über die Abschaffung der reduzierten Mehrwertsteuer auf Essen und Bildung nach. Preisfrage: wieviel Prozent seines Einkommens gibt ein Hartz-4-Empfänger zum reduzierten Steuersatz aus, und wieviel ein Architekt? Das ist eine versteckte Kürzung von Hartz 4, Arbeitslosengeld 1 und aller anderen geringen Einkommen, und zwar je geringer desto doller. Super-Idee. Die Schere zwischen Arm und Reich muß noch weiter klaffen! Es kann doch nicht angehen, daß wir diesbezüglich in Europa nur Zweiter sind!

Und weil das noch nicht reicht, zahlen wir den Hartz-4-Empfängern außerdem auch nicht mehr die volle Miete, sondern nur ne Pauschale. Sind doch selber schuld, wenn sie zu teuer wohnen! Die Alternativen sind übersichtlich: Raus aus der Wohnung, rein in die Obdachlosigkeit. Oder halt umziehen nach Jottwehdeh, wo die Mieten zumindest einigermaßen zur Pauschale passen.

Und schwupp, ist das arbeitsscheue Gesindel aus unseren schönen Innenstädten und Schoppingmohls verschwunden. Denn ohne Auto kommen die da doch nie wieder raus, weder zum Betteln am Hauptbahnhof noch gar in den Ersten Arbeitsmarkt. Was weg ist, ist weg.

Bloß in der Statistik hängen sie dann noch rum. Aber da fällt den Herren in Berlin sicher auch noch was ein. Zum Beispiel: Jeder bekommt ein gelocktes, gesponsortes BILD-Kamerahändi und 5 Euro für jedes veröffentlichte (!) Foto. Schon sind’s keine Arbeitslosen mehr, sondern Reporter. Oder sie werden alle zusammengeschaltet als das freundliche Team von 0900-DUBISTRAUS, der neuen Jobhotline der ARGE, nur 50 Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunkpreisekönnenabweichen. Von den 50 Cent bekommt der Angerufene dann sagenwirmal sieben ab, schon isses kein Arbeitsloser mehr, sondern ein Kahlßenta-Äitschent. Und praktischerweise beschäftigen sie sich dann auch noch mit sich selber. Besser geht’s doch gar nicht — Zaun drum, Ruhe!

Demnächst in diesem Theater.

1 Kommentar

  1. Axel Beckert

    Auch wenn’s nicht ganz in die Argumentation passt, und auch kurzfristig keine Aussicht auf eine bessere Welt bietet: Interessant ist dennoch, daß zur Zeit viele (jetzt Ex-) SPDler zur Piratenpartei wechseln, zumindest die, für die das Internet nicht nur zum Ausdrucken und Kinderpornos mit Stoppschildern schützen da ist. MdB Jörg Tauss (http://www.tauss.de/) allen voran.

    Witzigerweise verliert dagegen in Bayern anscheinend vor allem die CSU Parteimitglieder an die Piraten zu verlieren. Nett, das. :-)

    Sicher, die Piraten sind (momentan noch) eine Nischenpartei. Aber sie sind die Nischenpartei derer, die zur Zeit von der Großen Koalition wie auch tlw. den Grünen mit Füßen (bzw. Rollstühlen) getreten werden. Doch schon jetzt gibt’s innerhalb der Piraten Stimmen für Themen außerhalb der Stammthemen der Piraten. Auch nett, das. :-)

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