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Zehnmal um die Welt und immer noch kein Schrott

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Das sieht man nicht alle Tage, gell? Aber warum eigentlich?

Es ist ja nun nicht so, daß das Auto, aus dem dieses Bild stammt, nun gerade ein besonders penetrantes Beispiel motorischer Zähigkeit wäre. Im Gegenteil, dem Golf 2 Sechzehnvau haben wir damals, als er rauskam, „Überzüchtung“ nachgesagt. Überzüchtung! Einskommaacht Liter, hundertneunundzwanzig PS (ohne Kat sogar 139). Was für eine Hochdrehzahl-Rennmaschine, welch Leistungsorgie! Geradezu rührend, wenn man sich heutige Literleistungen von Smart über TSI bis M5 so ankuckt.

Und trotzdem trau ich ansich auch denen die 399.999 km zu. Okay, ja, dem Smart vielleicht nicht so. Aber an mechanischen Malaisen sollte eigentlich heutzutage kein Auto mehr verrecken, bevor es Youngtimerwürden erreicht hat (absolute Kilometerfresser und hoffnungslose Nuckelpinnen mal außen vor).

Woran dann?

Rost? Naja, auch wenn es Ausnahmen gibt, so sind doch die meisten Autos heute eher rostresistenter als die meisten Autos damals, als mein Golf neu war. (Der Golf ist auch ne Ausnahme, er hat jetzt vor seinem zehnten TÜV-Termin tatsächlich doch schon das erste Rostloch mit Handlungsbedarf entwickelt, trotz eher nachlässiger Pflege. Hört Ihr das, Ihr Oppeljünger da draußen?!)

Sonstiger Huddel, Elektronik oder so? Hm. Also im Golf ist ja auch so ein Zeugs, und in all den Jahren hat genau das Zeugs noch am wenigsten Ärger gemacht. Nur einmal zeigte sich das ABS sehr bockig gegen alle Diagnoseversuche, bis der Übeltäter sich als das Zündschloß entpuppte: winzigkleine Aussetzer, die man nicht sehen und kaum messen konnte, die aber reichten, um ständige ABS-Resets auszulösen. Und jetzt ist grad mal ein ABS-Sensor kaputt und nicht lieferbar. Aber sonst? Kein Befund.

Ersatzteilsorgen? Gut, da bin ich mit dem Golf natürlich im Vorteil. Auch bald 20 Jahre nach Produktionsstop (!) sind die Dinger im Straßenbild und auf den Schrottplätzen so verbreitet wie Fußpilz, so daß es eigentlich keine Engpässe gibt (auch der ABS-Sensor wird sich noch finden, da hab ich keine Bange). Mit einem gleichaltrigen Ford, Japaner oder auch Audi kuckt man da schon öfter mal dumm aus der Wäsche am Ersatzteiltresen, das stimmt schon. Aber hey, andere Leut restaurieren Borgward, da gibt’s seit einem halben Jahrhundert keinen Nachschub, und die schaffen es auch irgendwie! Ich habe jedenfalls noch nie von einem (nicht furchtbar alten und/oder seltenen) Auto gehört, das wegen Teilehuddel nicht mehr auf die Straße konnte.

Also, warum gehen die Twingos, E 30 und T4 gerade reihenweise in den Schrott? Meine These ist und bleibt: Weil keiner Bock auf die alten Kisten hat. Alles andere, ob nun Stinkersteuer, Teilesorgen, Rost oder auch der eine oder andere Motorschaden, ist eine faule Ausrede. Bitte: ich hab nix dagegen, wenn Ihr Lust auf was Neues habt! Im Gegenteil, so bleiben die alten Chaisen und ihre Teile beim Schrott wenigstens schön billig, und mein Golf wird irgendwann auch mal exclusiv :-). Aber dann solltet Ihr wenigstens die Größe haben, es zuzugeben.

Und es ist ja nur Euer Verlust, wenn Euch dieser Anblick nie vergönnt sein wird:

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5 Kommentare

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  1. emel

    na denn- herzlichen glückwunsch zu deiner tollen (rost-)laube!!

  2. Debe

    Ich habe letztes Jahr einen Ford Baujahr 1985 zur Presse gegeben – da war Rost ein grösseres Problem, zudem die gerade hier eingerichtete Umweltzone, an deren Rand ich wohne – die nächsten vier Autobahnauffahrten kann man ohne Pickerl nicht erreichen, was immense Umwege zur Folge hätte, und der Wagen hätte nicht mal den roten Aufkleber bekommen. Andererseits hatte er auch schon 60000 km auf dem Tacho (5-stelliger Tacho), mit vermutlich einer gedachten 2 davor für einen 1,1-Liter-Benziner auch schon gar nicht schlecht.

    So richtig traurig war ich nicht über den neuen Kleinwagen französischer Bauart, der jetzt in meiner Garage steht, um das alte Schätzchen tat es mir dennoch leid, denn für sein Alter war der unerwartet zuverlässig, ging auch im kältesten Winter problemlos an und Elektronikzicken kannte der noch gar nicht. Nur mit Ersatzteilen auf dem Schrott sah es wirklich schwierig aus (Wischermotor, Heizungs-Gebläse, Heckklappen-Pneumatikfedern). Ihn letzten Herbst noch einmal durch den Tüv zu bringen, hätte deutlich vierstellig gekostet, das war einfach nicht mehr sinnvoll.

  3. Phil

    Ich habe einen Volvo 460 („Franzosenteilekiste made in the Netherlands“) mit fast 270 tsd. km abgegeben.
    Es tat mir eigentlich damals schon leid. Nachdem ich nun gesehen habe (da ich den Besitzer gut kenne), dass die Kiste ohne jegliche Wartung (die letzte wurde von meinem Vorbesitzer bei 170 tsd. km durchgeführt) nun die 300.000 überschritten hat und immer noch läuft wie neu, tuts mir noch mehr leid.

    Aber nachdem ich diesen Artikel gelesen habe, tuts mir sogar unendlich leid :-(

  4. _RGTech

    Ich werde nächsten Monat einen Ford, Baujahr 91, in liebevolle Hände im Ausland abgeben (je nachdem, welcher Visitenkartenhändler sich erbarmt). Dort wird man sich über die durchgerostete Schüssel mit fester Bremse vr möglicherweise sogar noch freuen, hat ja jede Menge Platz, ein Glasschiebedach, eFH vorn… aber hier geht der beim TÜV nicht mal mehr mit 2 verbundenen Augen durch.

    Nun ja, er wird also zwar (vermutlich) ein weiteres Leben führen, aber ich vermute, dass das Dieter nicht unrecht ist, wenn er das im Ausland tut:

    Es ist ein Fließheck-Scorpio.

  5. _RGTech

    Nun hab ich doch völlig vergessen, den obigen Zählerstand zu würdigen.
    Denn ein solcher ist weniger Ausdruck einer generell hohen Haltbarkeit, sondern vielmehr zumindest mehr als nur ausreichender Pflege.
    Mit genügend Einsatz sollte mittlerweile fast jedes nicht allzusehr mit dem Rotstift entworfene Fahrzeug eine solche Leistung erklimmen können, vorausgesetzt der Besitzer spart nicht allzu sehr an den Betriebsstoffen und Verschleißteilen und weiß um die Vorteile von Warmfahren und Langstreckenfahrten.

    Aber offensichtlich ist dieses Wissen heute nicht mehr so verbreitet wie es sein sollte…

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