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Stuttgart 21 oder das Deja-Vu

Einerseits ist es ja schön zu sehen, daß in diesem unseren Lande doch noch so richtig schön gerechter Volkszorn brodeln kann, ganz ohne vorher wie von einem gewissen Herrn Lenin prophezeit Bahnsteigkarten zu kaufen. Und noch schöner, daß sich dieser Volkszorn dann auch mal gegen was Unsinniges richtet. Auch daß die brutalen Methoden der natürlich völlig angemessen handelnden Polizei mal wieder ins breitere Bewußtsein kommen, weil sowas mal mitten in einem Regierungssitz passiert statt auf einem Acker im Wendland, ist sicher nicht verkehrt.

Andererseits aber müssen sich die Stuttgart-21-Gegner einen Vorwurf schon gefallen lassen, nämlich den des Zuspätkommens. Ich hab jetzt nicht recherchiert (alles andere würde regelmäßige Leser hier ja auch überraschen), aber ich las zuerst von Stuttgart 21 in einer Zeitschrift, die ich seit bald einem Jahrzehnt nicht mehr lese. Und wann gehen sie auf die Straße? Wenn die ersten Mauern des Empfangsgebäudes und die ersten Bäume fallen.

Das ist, wie sich das mit der Restaurierung doch noch mal zu überlegen, nachdem der Schrottgreifer ins Dach des Familienwagens eingeschlagen ist.

Klar, mangelnde Erfolgsaussichten machen den Protest jetzt nicht sinnlos. Es ist schon gut, wenn die da oben merken, daß es den Leuten eben nicht egal ist, was mit ihrer Stadt, ihrem Bahnhof und den paar Milliarden passiert, die das alles kostet. Aber deswegen glaube ich noch lange nicht daran, daß dieser Protest in Stuttgart noch was ändern wird. Oder kann.

Aber vielleicht ändert er ja in Zukunft was, beim nächsten gigantomanischen Bauprojekt.

Die Stadt, in der ich lebe, ist ja auch Opfer eines solchen. Hier wurde der Hauptbahnhof 1960 verlegt: von der Innenstadt an den, hm, ja, Stadtrand ist das nicht, Außenbezirk auch nicht, aber irgendwie doch ein bißchen ab vom Schuß. Und dazu wurden Schneisen in die Bausubstanz gehauen, wie es sonst nur die Bomberflotten im 2. Weltkrieg geschafft haben. Ich kannte Braunschweig vorher nicht, wie auch, aber ich glaube, wer es vorher kannte, hat es danach bald nicht mehr wiedererkannt. Und die Gegend um den Torso des alten Bahnhofs, heute Sitz der Landessparkasse (vormals Nord/LB), ist immer noch irgendwie ein bißchen verrucht, nach bald 50 Jahren ohne Bahnhof. Erstaunlich. Wo war ich? Achja … wiedererkannt.

Stuttgart kenne ich auch nicht. Insofern könnte es mir eigentlich egal sein.

Mich ärgert an dem ganzen Bohei eigentlich auch am meisten, daß das schöne Geld viel sinnvoller in einem Ausbau der Bahnlinien zu den Nordseehäfen versenkt wäre als im Untergrund von Stuttgart. Nicht, weil ich da näher dran wohne, sondern weil der absehbare Verkehrsinfarkt infolge dauernd zunehmenden Güterverkehrs von und zu den Häfen mehr als nur ein paar Autobahnen im Norden lahmzulegen imstande sein wird.

Und auch sonst fiele mir einiges ein, was man für ein paar Milliarden bei der Bahn Sinnvolleres machen könnte. Und wenn es nur menschenwürdige Bahnhofstoiletten wären …

In diesem Sinne grüßt
  Euer Dieter Schlabonski.

1 Kommentar

  1. jojo

    uff, ja des mit den menschenwürdigen Bahnofstoiletten unterstütze ich!

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