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Mehr Sippenhaft!

Soweit isses also schon. Da muß man noch nicht mal selber Nazi sein, um aus dem olympischen Dorf geschmissen freiwillig gegangen zu werden abzureisen, nein, es reicht schon völlig, mit einem (mutmaßlichen!) Nazi liiert zu sein. Es sollte ja bloß nicht die Ahnung eines Hauchs von Schatten auf das deutsche Team fallen, man habe vielleicht Rechte dabei.

Nun wären tatsächliche Nazis im deutschen Olympia-Team sicher wirklich eine mittlere Medienkatastrophe. Verständlich — die gehören nun mal in den Verfassungsschutz, die Polizei oder notfalls irgendwelche Regierungsämter, aber doch nicht in eine Sportmannschaft, was da alles passieren könnte! So jemanden da rauszukegeln, wäre also durchaus mit etwas gutem Willen verständlich.

Aber Frau Drygalla ist, wie sie selbst immer wieder öffentlich versichert hat, nun mal kein Nazi.

Daß man sie trotzdem aus dem Polizeidienst warf, als ihre Beziehung zu einem solchen ruchbar wurde, gut, okay, auch da läßt sich mit etwas mehr gutem Willen eine Begründung basteln. Auch wenn es da sicher Leute mit mehr braunem Dreck am Stecken gibt, die nicht behelligt werden. Aber der Rauswurf aus der Olympiamannschaft? Eventuell gar das Ende der Sportlerkarriere, wenn ihr Verband die Anträge auf Sportförderung tatsächlich aussetzt?

Das wäre eine Sauerei.

Das wäre sogar eine Sauerei, wenn Frau Drygalla selber in der NPD wäre — denn die NPD ist (leider immer noch) legal, also kann ja wohl eine Mitgliedschaft in derselben nicht mit Berufsverbot geahndet werden, oder? Aber sie ist es ja nicht, sondern ihr Freund. (Der jetzt wohl ausgetreten sein soll.)

Pah, wird ihr gesagt, dann soll sie sich eben einen neuen Freund suchen. Und zwar nicht in den Kommentaren auf irgendwelchen Nachrichtenseiten, sondern aus der Funktionärsecke.

Sagt mal, geht’s noch?

Eine privatere Privatsache als die, mit wem man in seiner Freizeit was treibt, gibt’s ja kaum. Wegen sowas darf hierzulande nicht diskriminiert werden, und wer’s trotzdem versucht, kriegt mit Recht voll eins in die Fresse. Aber wenn der Partner in der NPD ist, gilt das auf einmal alles nicht mehr? Als ob man sich aussuchen könnte, in wen man sich verliebt. Ich mein, hey, ich war auch mal mit einer Raucherin zusammen. Klar war das manchmal eklig, klar gab das öfter Knatsch, aber herrjeh, was tut man nicht alles.

Hm. Ich glaub, jetzt bin ich ein wenig vom Thema abgekommen. Aber eigentlich ist ja auch alles gesagt.

Nicht mal nur von mir. Auch wenn der lautstarke Protest von allen Seiten ob der olympischen Nazifreundinnendiskriminierung bisher ausgeblieben ist, so ein bißchen zartes Gemäkel daran regt sich ja doch stellenweise schon. Den schönsten Satz zum Thema bisher hab ich beim Tagesspiegel gefunden und möchte ihn, Leistungsschutzrecht hin oder her, hier als Schlußwort zitieren, weil das Fazit, wenn ich es selber formulieren müßte, eher weniger druckreif ausfiele.

Wenn schon der Kontakt zu einer irgendwie belasteten Person in Deutschland ausreicht, um eine Karriere zu beenden, stellt sich die Frage, wo da die Grenze zu ziehen ist. Ein Bruder, der bei den Islamisten mitmacht? Eine Mutter, die bei der Stasi war? Ein Freund bei Scientology? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, auch nicht der Willkür.

„Ruderin Drygalla: Wo die Liebe hinfällt“, von Harald Martenstein bei Tagesspiegel.de.

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