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Von hinten durch den Flügel ins Gesicht

Stell Dir mal vor, Du wärst TÜV-Prüfer. Und dann käme irgendwann mal jemand an mit einem alten Käfer, und bei dessen Untersuchung bemerkst Du eine eigenartige Schlauchkonstruktion von hinten aus dem Motorraum nach vorn ins Armaturenbrett. Was das sei? Nun, sagt der Besitzer, er würde die Frischluft für den Innenraum aus dem Motor-Luftfilter abzweigen, er sei nämlich Allergiker, und Pollenfilter gibts nicht für den Käfer. Die Kurbel- und Ausstellfenster habe er deswegen auch alle stillgelegt und versiegelt.

Was würdest Du dem erzählen? Womöglich, daß eine einfache Spritundichtigkeit im Motorraum Benzindämpfe direkt in den Innenraum fördern würde oder ein Filterdefekt herrlich verbrannten Öldunst aus der Kurbelgehäuseentlüftung, was im Gegensatz zu Käfers auch manchmal leicht „motorig“ riechender Heizungsluft saugefährlich sei? (Die Heizungsluft wird, das sei noch angemerkt, erst gefährlich, wenn der Auspuff undicht wird, dann sind da halt Abgase mit bei. Durch den Motorraum kommt die aber nicht, sondern wird vor der Kühlung des Motors vom Kühlluftgebläse abgezweigt.)

Und was will uns der Schlabonski mit dem Schwachsinn nun wieder sagen? Klingt weit hergeholt und völlig sinnlos? Ja klar. Auf so ne Idee käme ja nie einer. Frischluft aus dem Motor abzweigen. So ein Blödsinn.

Und dann erfahre ich heute im Radio, daß aber fast alle Passagierflugzeuge genau das machen. Und na klar, dabei ist es auch schon zu Pannen gekommen, fein lecker Öldunst aus dem Triebwerk direkt durch die Belüftung in die Fresse. Und das sind fiesere Öle da drin als das Baumarkt-15W40 oder Castrol-Classic SAE 30 im Käfer. Siebenundsechzig solche Vorfälle gab es in den letzten zwei Jahren allein in Deutschland, davon acht schwere und mindestens einen, bei dem die völlig benebelten Piloten den Flieger nur gerade mal so heil runtergebracht haben, um anschließend direkt ins Krankenhaus gekarrt zu werden. Was dem Wort „Duseligkeit“ eine interessante Doppeldeutigkeit verleiht.

Und was macht die Regierung? Nix, wär jetzt die naheliegendste Antwort gewesen. Tatsächlich macht sie aber was: sie stimmt einen Antrag der Opposition nieder, da doch mal für schärfere Vorschriften zu sorgen. Mit dem üblichen Gebrabbel von „Restrisiko“ und „Einzelfällen“ — ein Wort, dessen Plural es völlig selbsttätig zur Lüge befördert.

Haben die Lobbyisten mal wieder ganze Arbeit geleistet.

Nun kann man in so ein olles Verkehrsflugzeug sicher nicht einfach vorne ein paar Lufteinlaßschlitze reinmachen wie beim Käfer, und auch Kurbel- und Ausstellfenster sind nicht gerade zielführend. Etwas mehr Hirnschmalz braucht’s da schon, schließlich rauscht die Blechdose gewohnheitsmäßig mit einigen 100 km/h durch minus einige 10 °C kalte Luft. Aber der Boeing „Dreamliner“, so hört man, hat bereits eine triebwerksunabhängige Frischbelüftung, gehen tut das also. Wobei mir ja immer noch nicht einleuchten will, wie man überhaupt erst auf den Hirnfurz kommen konnte, die Frischluft ausgerechnet da zu zapfen, wo hohe Temperaturen, brennbare Flüssigkeiten und giftige Gase auf engstem Raum vereint reichlich zur Verfügung stehen. Haben Flugzeuginschenöre zuhause auch die Ansaugöffnung der Klimaanlage im Heizungskeller?

Aber dafür gibts ja gesetzliche Vorschriften, um solch amoklaufende Technokraten notfalls wieder einzufangen. Theoretisch. Praktisch muß es wohl erst wieder Tote geben, bis die wachwerden da in Berlin. Wie immer.

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