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Die Schwanzlutschersekte

Ein Gutes hat ja diese unsägliche Beschneidungsdebatte und das noch viel unsäglichere Einknicken unserer Parlamentarier vor ein paar entzürnten religiösen Eiferern Interessenverbänden: Man kriegt mal wieder ein schönes Beispiel dafür, wie Grundprinzipien vor die Hunde gehen, hier also z.B. die Religionsfreiheit über die Grundrechte gestellt wird, nur weil man Angst vor einem negativen politischen Echo hat.

Ein weiterer Effekt des Ganzen, von dem ich mir allerdings noch unsicher bin, wie gut ich ihn finden soll, ist natürlich, daß man mitunter Dinge erfährt, die man eigentlich gar nicht wissen will. Nein, ich hab mir keine Beschneidungsvideos angesehen, aber mir ist gerade dieser Text hier in den Feedreader gepoltert.

Und dort erfährt man vom jüdischen Brauch des Metzitzah B’peh: daß der Beschneider nach dem Eingriff das Blut des Säuglings mit dem Mund absaugt.

Eine sehr viel perversere Methode fällt mir so spontan gar nicht ein. Wie bitte kommt man auf sowas? Ah, klar, um Infektionen zu vermeiden. Weil es ja kaum etwas gibt, wo weniger Bakterien hausen als in der Mundhöhle, schon klar. Das ist auf demselben Level wie das Beschmieren von Wunden mit Scheiße, nur daß man dies nach dem Mittelalter wohl doch recht bald abgeschafft hat. Das Säuglingsschwänzelecken hingegen ist immer noch guter Brauch, auch wenn es — vorhersagbar — zu einigen schweren, ja tödlichen Herpes-Infektionen der Neugeborenen geführt hat in New York.

Was macht also die New Yorker Gesundheitsbehörde? Nein, nicht verbieten, wo denkt Ihr hin? Aber immerhin vorschreiben, daß vor dieser Handlung die Eltern über die Gesundheitsrisiken aufzuklären seien.

Der nächste Akt — und damit der Anlaß für den Bericht — ist auch vorhersagbar: Jüdische Organisationen und Beschneider klagen gegen diese Aufklärungsvorschrift.

Nachdem ich meine Kinnlade wieder vom Schreibtisch gesammelt habe und oft genug Kopf voran gegen die Wand gelaufen bin, daß das alles nicht mehr so doll wehtut, bleibt nur eine Frage: Man darf ja bekanntlich straffrei die Katholiken als „Kinderfickersekte“ bezeichnen, obwohl die das Kinderficken weder offiziell als Teil ihres Brauchtums ansehen noch vehement ihr Recht einfordern, solches zu tun. Beides trifft auf das Metzitzah B’peh aber zu — demnach sollte man doch wohl erst recht das Judentum, oder zumindest den orthodoxen Teil, der diesen Brauch pflegt, mit dem Wort aus der Überschrift belegen dürfen?

Ach nee, ich vergaß. Juden sind ja unkritisabel.

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