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Das häßliche Entlein gibt den sterbenden Schwan

Nun geht es also wirklich zu Ende mit einem weiteren innovativen, nein, das nehme ich gleich mal zurück: mit einem weiteren vor langer Zeit mal innovativ gewesenen Automobilhersteller. Nicht, weil sein Markenname verschwindet wie Tausende zuvor, zuletzt Rover und Saab, nein: weil sich seine Fans, darunter der Unterzeichnete, jegliche Hoffung darauf, daß da noch mal was Bemerkenswertes passieren werde, nun wohl endgültig abschminken können.

Anlaß zu diesem deprimierenden Schluß bietet diese Meldung, die besagt, daß künftig Modelle der Firmen Opel und Peugeot/Citroën auf denselben Plattformen basieren werden.

Und nein: wir trauern hier nicht um Opel.

Beginnen wir diesen Nachruf, denn um nichts anderes handelt es sich hier, aber vor rund hundert Jahren. Damals war Citroën einer der größten Autohersteller des Kontinents und der erste, der das fordsche Fließband auch hier eingeführt hatte, und Opel noch eine Klitsche, die vor kurzem noch Fahrräder und Nähmaschinen gebaut hatte. Citroëns Erfolgsmodell war der 5CV, so genannt nicht wegen seiner Motorleistung, sondern wegen seiner 5 „Steuer-PS“, eine ziemlich willkürliche Maßeinheit, nach der sich die Kfz-Steuer berechnete. Das niedliche kleine Automobilchen war ein beachtlicher Erfolg. Was tat nun Opel? Opel baute es nach. Nicht mit Lizenz, nein, einfach so. Nur lackiert waren die Opels anders, nämlich grün statt gelb, und der Volksmund erkannte prompt: Das ist ja dasselbe in Grün.

Wenig später fielen der Tod des Gründers André Citroën und die Präsentation seines letzten genialen Wurfs, des 11CV „Traction Avant“, mehr oder weniger zusammen. Den Riesenerfolg, den dieses erste wirklich moderne Automobil mit Frontantrieb, selbsttragender Karosserie und richtig guter Straßenlage erlebte, durfte sein geistiger Vater leider nicht mehr erleben — genau wie es später dem Professor Porsche nicht mehr vergönnt war, des Volkswagens Siegeszuges Zeuge zu werden. Aber ich schweife ab.

Zwanzig Jahre und einen Weltkrieg später, 1955, wiederholte, ja steigerte Citroën diese Sensation abermals mit der Präsentation der DS, über die kein Geringerer als Fritz B. Busch schrieb, sie sei „nicht das Auto von morgen. Es ist das Auto von heute — die anderen sind von gestern“. Und das blieben sie auch. 1974 bei ihrer Produktionseinstellung war die DS nicht wirklich veraltet, und selbst heute wirkt sie im Straßenbild zwar immer noch anders, aber nicht wirklich alt.

In den 1970er Jahren ging es aber allmählich bergab. Citroën hatte schon in den 60ern den mindestens genauso innovativen ältesten Autohersteller der Welt (!), Panhard, übernommen, nun ging es ihnen selber an den Kragen: Peugeot, ein vergleichsweise erzkonservativer Konkurrent, übernahm den Laden und begann, die durchgeknallten Lösungen der Vergangenheit gnadenlos auszumerzen.

Seither waren neue Citroëns nicht viel mehr als anders gestaltete Peugeots mit hydropneumatischer Federung. Trotzdem fanden auch diese verglichen mit ihren reinrassigen Vorläufern eher öden Fahrzeuge ihre Freunde und Fans. Das versteht wohl nur, wer nach einigen Monaten des Schwebens in einem solchen wieder mal ein stahlgefedertes Auto besteigt und nicht fassen kann, wie schlecht die Straßen auf einmal wieder sind.

Leider verzog sich diese Federung zusehends aus dem Programm. Mittelklasse mit Hydropneumatik gab es zuletzt im Xantia, dessen Nachfolger C5 viel größer und schwerer wurde, weil er auch den oberklassigen XM ersetzen sollte — was nicht recht klappte. Heute ist der C5, mittlerweile in der dritten Generation, der letzte (gegen Mehrpreis) schwebende Citroën, nachdem der genial durchgeknallte, aber viel zu teure und völlig gefloppte C6 nun eingestellt wird.

Und ein Citroën, der nicht schwebt, ist nun mal nichts weiter als ein besonders häßlicher Peugeot.

Gut, bleiben wir mal fair. Häßlichkeit liegt im Auge des Betrachters, und mancher findet neue Citroëns ja auch schön. Der hier zum Beispiel:

Der Designer des DS5 war jemand, der einfach nicht aufhören konnte mit designen: Hier noch eine Linie! Und dann einen Schwung in diese Linie! Und dann noch einen Schwung in diesen Schwung! […] Es ist großartig. Es ist alles, was ein Opel nicht ist.

Clemens Gleich bei Heise.de: „Das Geschenk der Göttin“

Ein bemerkenswerter Artikel, nebenbei bemerkt, der das Lesen lohnt — und der am Rande auch die geeignete Erwiderung enthält für hartgesottene DS-Fahrer, die sich über das langweilige Design neuerer Citroëns mokieren: „Guter Mann, deine alte DS hat ihre Blinker in Blechtröten auf dem Dach! Solche Sachen bleiben für Jahrzehnte bescheuert, die werden nie ‚langweilig‘!“

Und es stimmt ja auch: Autos wie die DS, den CX oder auch den C6 könnte bzw. kann man heute nicht mehr verkaufen. Zierliche Eleganz ist nicht mehr gefragt, Aggressivität ist „in“. Früher nannte man das „Überholprestige“, und ein BX zum Beispiel hat davon, wie der Unterzeichnete bezeugen kann, kein bißchen. Wenn in naher Zukunft dieser Anblick hier in den Innenspiegeln auftaucht, mag das anders aussehen. Der übrigens gehört zur Studie „Citroën Metropolis“, einem durchaus ansprechend gestalteten Automobil — keine Kunst allerdings: ein Riesenschiff mit weit über 5 Metern Länge, das weder einen nennenswerten Innenraum bieten noch überhaupt in Serie herstellbar sein muß, kriegt eigentlich jeder außer Mercedes so hin, daß es geil aussieht. Selbst wenn sie den aber mal bauen sollten — da, wo es drauf ankommt, zwischen C3 und DS5, wird von diesem Glamour außer einem zum Doppel-Bumerang verkümmerten Doppelwinkel nicht viel übrigbleiben, dessen können wir uns leider sicher sein.

Und so ist es vielleicht unvermeidlich, daß sich ein Gegenpol formiert zu dem Quartett aus VW-Audi-Skoda-Seat. Wo Citroën bisher „Peugeots Seat“ war, also ein bißchen stylisher und ein bißchen billiger, und die DS-Modelle nun wohl die Rolle von „Peugeots Audi“ übernehmen (teurer, aber auch edler), bleibt dann eben für Opel nur noch die Rolle als „Peugeots Skoda“: noch öder, aber preiswerter. Es gibt schlimmere Schicksale, die Opel erleiden könnte, zum Beispiel das als Edelversion von Chevrolet, wie ich bisher mutmaßte.

Aber Citroën? Dem, was diese Marke mal war, bleibt nur die Erinnerung in den Geschichtsbüchern und auf den Oldtimertreffen. In ein paar Jahrzehnten wird das Publikum genauso ungläubig um des Unterzeichneten Citroën BX stehen wie heute um einen Panhard PL17 und sich nicht wirklich vorstellen können, daß es sowas Verspultes mal tatsächlich ganz normal zu kaufen gab.

Und die Vorfreude darauf versüßt mir dann doch die Enttäuschung darüber, daß eine Ära zuendegeht. Was soll’s, einen CX oder C6 werde ich mir vielleicht irgendwann mal leisten können, und alles, was danach kommt, ist für meine tatsächliche Welt eh genauso egal wie ein Bentley.

Fragt sich nur, wer dereinst mal ein Auto bauen wird, das bei mir als Alltagsfahrzeug Gnade finden wird, obwohl es aus diesem Jahrtausend stammt. Nach Volkswagen muß ich diese Erwartung nun auch bei Citroën begraben. Viel bleibt da gar nicht mehr. Muß der BX wohl doch noch 30, 40 Jahre halten …

Schwebende Grüße,
Euer Dieter Schlabonski.

4 Kommentare

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  1. Debe

    Lieber Dieter,
    ich fahre ein Auto, um von A nach B zu kommen, meistens auch wieder zurück – kein rollendes Wohn- oder Schlafzimmer, kein Ausstellungsstück, es ist ein preiswerter französischer Kleinwagen. Umso schöner, ein wenig vom Enthusiasmus eines Auto-Fans angesteckt zu werden. Die alten Citroëns sind auf jeden Fall Hingucker, die Sammlergene in mir schreien da schon manches Mal „will haben“. Als Auto-Technik-Analphabet (Elektronik kann ich, aber die findet man bei schönen Autos ja kaum) würde sich ein solches Juwel bei mir leider nicht wohlfühlen, oder mein Portemonnaie würde arg leiden.

    Die Marken-Strategie (wenn es denn eine solche gibt) mit Chevrolet gegen Opel habe ich nicht verstanden. Sollten das zwei Billigmarken werden? Die „Schpark Schtark Schpast“ Radiowerbung hatte den Charme eines Baumarkt-Grabbeltischs, aber als Premium habe ich Opel auch schon länger nicht mehr wahrgenommen. „Verkackt“ darf man hier ja bestimmt schreiben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben :-)

  2. Eckhard Meltzer

    Also- ich fahre keinen BX (mehr), sondern einen C5 von 2004 und kann die etwas abfällige Bemerkung („was nicht recht klappte“) nicht unwidersprochen hinnehmen.
    Der C5 ist ein sehr bequemer, sehr zuverlässiger, sehr schöner Schweber und hat in meinen Augen nur einen einzigen Fehler: er säuft zuviel! Aber auch das kann man in Kauf nehmen bei all der Fahrfreude, die das Auto bietet.
    Meiner Meinung nach ist der C5 ein durchaus würdiger Nachfolger des BX!

  3. Dieter Schlabonski

    Da hast Du mich aber auch mißverstanden. Ich schrieb, daß der „C5 viel größer und schwerer wurde, weil er auch den oberklassigen XM ersetzen sollte — was nicht recht klappte.“ Das mit dem Nicht-Klappen bezieht sich auf das Ersetzen des XM — das war ein Oberklasse-Kuschelauto, da kommt der C5 nicht gegen an, auch wenn er so viel kleiner nicht ist.

    Als Xantia- oder BX-Ersatz ist der C5 so lange okay, wie man die alle als komfortable Mittelklassewagen sieht. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Aber gerade der BX ist auch ein leichtes, agiles, ziemlich kompaktes Auto mit sportlichem Talent — und da hat der C5 mehr noch als der Xantia ganz schön an seinem beachtlichen Mehrgewicht zu schleppen, wenn er versucht zu folgen.

    Der C5 ist also nicht so plüschig wie der XM und nicht so agil wie der BX — wie nicht anders zu erwarten ist, wenn man zwei völlig verschiedene Autos durch einen gemeinsamen Nachfolger zu ersetzen versucht. Sicher ist er trotzdem kein schlechtes Auto und (zumindest in seiner ersten Inkarnation) auch noch ein richtiger Citroën (aus der Abteilung „schwebende, anders aussehende Peugeots“), aber das hab ich ja auch nicht bestritten.

    Schwebende Grüße, Dieter :-)

  4. Eckhard Meltzer

    Na ja- ok- dann sind wir uns ja wieder mal einig!

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