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„Wo bleibst du denn?“

Der zweite Teil des ganz normalen Tages in einem größeren deutschen Automobilwerk (der erste ist weiter unten oder hier zu finden) handelt davon, wie man den gesamten Betrieb in der Lagerhalle 19 lahmlegt, ohne sie zu betreten.

Zu diesem Behufe braucht man außer einem Lastwagen voll vermischten Materials für eben jenes Automobilwerk eigentlich nichts außer einem planlosen Steuerstellen-Mitarbeiter, der keine Ahnung hat, wo ein bestimmter Teil der Ladung (zehn IBCs mit irgendeinem Frostschutzpampf, weiß nicht mehr genau was) denn nun zu entladen sei in diesem Werk. Und an planlosen Steuerstellen-Mitarbeitern hat’s ja keinen Mangel …

Die Vermutung, die sich dann auch auf dem Entladestellenwisch wiederfand, war eigentlich gar nicht so schlecht: Halle 15 ist durchaus die allgemeine Flüssigkeits-, Gefahrgut- und sonstige-eklige-Pämpfe-Halle, daß da auch der Frostschutzglibber hinmüßte, erschien durchaus logisch.

Aber Logistik hat ja bekanntlich nix mit Logik zu tun.

Wohin das Zeugs denn sonst müßte, fragte ich also den Logistiker in Halle 15, der mein Gesuch auf Entladung abgelehnt hatte. „Weiß ich nicht genau. Fahr mal nach Halle 2, da ist die zentrale Warenannahme.“ Gut, da kam ich grade her, siehe letzte Folge, aber was solls.

Nee, hier habe man mit sowas nix zu tun, hieß es dort — fast schon erwartungsgemäß. Aber bei Halle 3 Ostseite, da sei wohl wer, der wisse, wo das hinkomme.

Halle 3 Ostseite ist so’n ganz eigener Schnack. Da entlädt man nämlich nicht ebenerdig, sondern an einer Seitenrampe, und man meldet sich auch nicht vorher zu Fuß an, sondern wartet einfach, bis die Telematik klingelt und einem mitteilt, an welche Rampe man zu fahren hat.

Einschub: Telematik ist das hochtrabende Wort für softwaremäßig ziemlich zugenagelte Händis, die jeder Lastwagenfahrer im Werk mit sich führt, um eben solche Hinweise per SMS zu empfangen, per GPS ortbar zu sein und notfalls auch mal angerufen werden zu können. Das ist an dieser Stelle in dieser Geschichte noch nicht wichtig. Aber gleich.

Erstmal bekam ich im Büro von Halle 3 Ostseite den erwarteten, aber in diesem Fall unverdienten Einlauf, was mir denn bitte einfiele, da zu Fuß aufzukreuzen, statt auf die Telematik undsoweiter blah blubb … es hat ein Weilchen gedauert, bis ich genug Wörter in die Atempause des Redeschwalls untergebracht hatte, um mein Problem zu schildern. Sodann ergoß sich der Redeschwall wenigstens ins Telefon auf der Suche nach dem Mitarbeiter, der wissen könnte, wo mein Frostschutzpampf denn nun entladen werden sollte.

„Ja, das ist die Frau Dombrowski (Name geändert, d.Red.). Geh mal da runter in die Halle rein, nach ca. 500 Metern den Gang links, da fährt irgendwo so ein kleiner Dreiradstapler rum, das ist sie.“ Ah, ein weiblicher Dreiradstapler namens Dombrowski. Naja. Wird sich finden lassen. Auf ne halbe Stunde mehr oder weniger kommt’s jetzt auch nicht mehr an.

Frau Dombrowski war dann aber gar kein Dreiradstapler, sie fuhr nur einen. Sonst war sie sehr nett und wußte auch, wo meine zehn IBCs hinmüßten: Halle 1, Tor drölf — „das müssen wir dann eben auf der Straße abladen“. Erwähnte ich schon, daß Winter war? Nö. Es war übrigens Winter. Egal. „Dann fahr da schonmal hin, ich komm dann gleich nach.“ Bitte. Gern.

So, und nun kommt der entscheidende Moment mit der Halle 19. Für die hatte ich auch Ware dabei, und die sollte nach dem Frostschutzpampf auch als nächstes runter. Die Telematik hatte während der gesamten bisherigen Eskapaden meinen Aufenthaltsort brav dem Steuerstellencomputer gepetzt. Der mag sicherlich ein wenig verdutzt gewesen sein ob des kleinen Umwegs von Halle 15, wo ich seiner Meinung nach ja wohl des Frostschutzpampfs entladen worden sei, über Halle 2 und Halle 3 Ostseite zur … ja, doch, zur Halle 19, denn an deren „Puffer“ (also LKW-Wartebereich) vorbei führte mich nun mein Weg zur Halle 1.

Und auch das, also meine Ankunft im Halle-19-Puffer, blieb der Telematik und demnach dem Steuerstellencomputer nicht verborgen. Folgerichtig war ich dort nun also geführt als vor der Halle 19 auf Entladung wartend — während ich tatsächlich vor der Halle 1 im Schneematsch und -gestöber beide Seiten des Aufliegers öffnen und schließen durfte, damit ein kleiner Dreiradstapler namens unter Frau Dombrowski endlich das Frostschutzpampf von der Ladefläche hieven konnte.

Und ein paar Minuten später war ich dann halt dran in der Halle 19. Drring, machte eine ungehörte Telematik in meinem verlassenen Führerhaus: „Fahren Sie zu Halle 19 Platz 1. Ankunft bestätigen.“

Hab ich dann auch gemacht, als ich es ne gute Stunde später las. Also zur Halle 19 fahren. Direkt so reinfahren, dachte ich mir, ist keine so brilliante Idee, gehste erstmal rein und fragst, ob das so stimmt. (In Halle 19 gibt’s keinen Einlauf für Fußgänger.)

Und was sehen meine entzündeten Augen? Gähnende Leere. Stille. Wenn Grillen in Lagerhallen lebten, hätten sie bestimmt gezirpt. Bei genauerem Hinhören irgendwo aus einem fernen Aufenthaltsraum stattdessen die Geräusche skatspielender Gabelstaplerfahrer. Und nach einigem Suchen dann auch der örtliche Logistiker, der mich die Frage aus dem Titel frug.

Und so langsam dämmerte mir, was er mir auf Nachfrage dann auch bestätigte: Ganz Halle 19 hatte seit anderthalb Stunden etwa darauf gewartet, daß ich endlich zum Entladen hereingefahren käme. Und in dieser Zeit denn auch keinen der anderen gefühlt zwei Dutzend Laster entladen, die sich vor ihrem Tor beinahe stapelten.

Ich hab dann nicht gefragt, warum sie nicht mal nach ein paar Minuten vergeblichen Wartens bei der Steuerstelle nachgefragt haben, wo ich denn bleibe. Gut, ans Telefon hätten auch die mich nicht gekriegt, aber zumindest orten können hätten sie mich ja dahinten am anderen Ende des Werkes, an Halle 1, Tor drölf.

„Standgeld aberkannt. Grund: Fehlverhalten.“

Ja. Danke. Ihr mich auch.

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