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Logik vs. Logistik

Darüber, wie das Entladen in großen Automobilfabriken so abgeht, habe ich mich ja neulich schon mal ausgelassen. Nun sollte man ja eigentlich annehmen dürfen, daß solch Problematik auch den Disponenten einer größeren, stark in die Automotivlogistik einer solchen eingebundenen Spedition nicht verborgen geblieben ist. Leider ist aber auch hier mal wieder nicht alles so, wie man es annehmen dürfen sollte …

Leider besteht der Warenstrom einer großen Automobilfabrik nicht nur aus ganzen Güterzug- und Lastwagenladungen. Nein, da ist auch einiges dabei, was ich hier mal unter „vermischtes Gerümpel“ subsummieren möchte; das geht von Arbeitshandschuhen über Reifen für die Versuchsabteilung und zu verschrottende kaputte Blechpreßformen bis hin zu ganzen Mittelklassewagen-Rohkarossen. Stückgut halt, oder „Sammelgut“, wie es in Logistikkreisen genannt wird. Und ein Logistikunternehmen hat unter anderem die edle Aufgabe, sowas anzunehmen, wenn es aus allen Himmelsrichtungen aufs Automobilwerk zuströmt, und dann regelmäßig, möglichst zeitnah natürlich und idealerweise auch sinnvoll portioniert, ins Werk hineinzukarren.

Man kann dabei nun allerdings nicht immer warten, bis ein ganzer Lastwagen voll Arbeitshandschuhe beisammen ist; erstens lägen die dann ein paar Jahrzehnte im Weg rum bis dahin, und zweitens fehlten sie dann an der Arbeiter Hände solange. Ergo sind auch die Lastwagen, mit denen dieses Sammelgut ins Werk reist, gemischt beladen — genau wie jene, die zwei bis drölf Lieferanten abgeklappert haben und dann direkt ins Werk fahren. (Was seltener vorkommt, Sammelgut ist bei Kleinmengen die Regel.)

Nun hat, und so langsam komme ich auch zum Punkt dieses Sermons, das örtliche Logistikunternehmen ja einen großen Vorteil: es kann die recht kryptischen Abladestellen-Bezeichnungen aus Erfahrung decodieren, die Ware nach Hallen sortieren, es kennt die Öffnungszeiten der einzelnen Hallen und die Besonderheiten, die bei ihrer Belieferung zu beachten sind — kurz: es kann das alles viel effektiver machen als irgendein Spediteur von Jottwehdeh, der alle paar Wochen auch mal ins Automobilwerk fährt.

Es kann. Oder genauer: es könnte.

Kommen wir nun nach der grauen, aber zum Verständnis notwendigen Theorie zum praktischen Teil.

Mittwoch, 06:00. Ich steh bei der Dispo am Tresen und erfahre: Ah, Sammelgut ins Werk. Okay. Leeren Auflieger besorgt und aufgesattelt, zur Anmeldung, Steuergerät bekommen. Warten.
08:45. Steuergerät piept. Tor 9. Hinfahren, aufmachen. Warten.
10:10. Oh, kuck, ein Gabelstapler. Laden.
10:55. Fertig. Zur Anmeldung, Papiere holen. „Denk dran, Halle 105 macht um 3 zu, das muß da uuuunbedingt heute noch hin, wir haben da Termin.“ Klar, mach ich.
11:15. Und los. Soll-Ankunftstermin („Zeitfenster“) im Werk: 12:00. Fahrzeit: normal so 40 Minuten rum.
11:55. Ankunft am Werk. Kann ja auch mal was klappen.
12:40. Bin endlich an der Reihe bei der Anmeldung in der Steuerstelle des Werks. „Du bist zu spät.“ „Nein.“ „Doch.“ „Ich steh seit 12 in der Schlange da.“ „Mir doch egal.“ Okay, okay. Mir eigentlich auch.
13:20. Steuergerät (diesmal das vom Werk) piept: Außenlager TLZ. Ich ruf bei der Steuerstelle an: „Sollte ich nicht besser erst zu Halle 105, die machen doch um 3 zu?“ „Das schaffst du auch so.“
15:15. Nö, schaff ich nicht. Bin ja grad mal fertig bei TLZ. Sind auch nur drei Behälter noch auf dem Auflieger, die sie nicht wollten. Guter Schnitt, das.
17:00. Drei Abladestellen später ziehe ich Bilanz: noch acht Sendungen auf dem Auflieger, davon drei ohne Papiere und zwei für bereits geschlossene Hallen. Anruf bei der Dispo. „Tourabbruch, wir brauchen dein Auto in der Nachtschicht zum Leergut-Fahren.“ Okay. Ich karre etwa die Hälfte des vermischten Gerümpels zurück zur Spedition und habe immerhin pünktlich Feierabend.

Donnerstag, 06:00. Schon wieder Sammelgut ins Werk. Der Stapler, um das mal abzukürzen, erscheint heute schon um kurz vor 10.
„Stell mir den Kram für Halle 105 mal nach ganz hinten, damit das heute mal klappt da.“ „Halle 105? *inpapierenblätter* Is hier nich bei.“ „Eigenartig, hab ich doch gestern wieder mitgebracht?“ „Ist bestimmt noch auf Deinem Auflieger von gestern.“ Ah. Okay. Unbedingt gestern noch. Termin. Is klar.
11:35. Abfahrt. Zeitfenster heute: 13:00.
15:28. An Halle 15 erfahre ich nach gut dreiviertelstündiger Wartezeit, daß man jetzt aber wirklich Feierabend habe, schon seit ner halben Stunde, und ich morgen wiederkommen solle. „Hättet Ihr mir das nicht beim Anmelden hier sagen können?“ „Da war ja noch nicht Feierabend.“ Bestechende Logik, fürwahr. Daß man drei Lastzüge in ner Viertelstunde nicht entlädt, solch Erfahrungswerte zu bilden ist anscheinend doch zu viel verlangt.
17:45. Bei immer noch gut halbvollem Auto löst mich der Kollege von der Nachtschicht diesmal im Werk ab (er fährt mit dem Firmen-PKW die 30 km hin, ich mit selbigem zurück — kostet ja nix außer unserer Zeit und dem Sprit unseres Chefs, der nicht identisch ist mit dem des Logistikunternehmens).
18:50. Mit noch eben betanktem Firmenwagen rolle ich wieder auf den Hof des Logistikunternehmens und erblicke — meinen Kollegen mit „unserem“ Lastzug. „Was willst Du denn hier?“ „Die haben mich aus dem Werk abgezogen zum Leergut-Fahren wieder.“ „Und warum haben wir dann nicht hier Fahrerwechsel gemacht?“ „Frag mich nicht, frag die.“ Nö, ich spar’s mir.

Freitag, 06:00. Sammelgut ins Werk, wissenschon. Diesmal sogar wieder mit den dringenden Behältern für Halle 105 von vorgestern.
13:35. Abfahrt. Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Acht Entladestellen im Werk, und an einem Freitag um kurz nach halb zwei schicken die mich los.
14:45. Halle 105. Jaa, es ist da, das dringende Zeug, kaum 2 Tage zu spät. Zweimal habe ich es ins Werk gekarrt, heute 5 min mit der Steuerstelle diskutiert, um als erstes hierher fahren zu dürfen, und hier bin ich, 15 min vor Toresschluß! Und was höre ich: „Nee, der zuständige Sachbearbeiter hat heut früher frei, das kann ich nicht annehmen.“ „…?!“
18:15. Mir doch egal. Mein Kollege ist da. Wochenende. Nach mir die Sintflut.

So läuft das. Und nein, das ist keine Ausnahme, weder habe ich drei besonders schlimme Tage ausgesucht noch handelt es sich hier um ein besonders planloses Logistikunternehmen (man lernt ja auch die anderen kennen, wenn man im Fernverkehr dort hinfährt). Das ist einfach so. Die großen Autowerke haben noch nicht gemerkt, daß sie keine Behörden sind, und ihre Logistikdienstleister müssen an allen Enden sparen, auch da, wo es schmerzt — bei den Staplerfahrern zum Beispiel. Daher kamen nämlich die krassen Wartezeiten am Tagesanfang.

Mir waren die nur recht — ein zweites Schläfchen nach dem Frühstück, wie schön. Aber sinnvoll waren sie sicher nicht.

Dabei wäre es mit genug Personal und etwas mehr Planung doch so einfach: man würde die Abfahrtszeit festlegen — sagen wir, auf 07:00 — und dann auch konsequent abfahren, notfalls eben mit halbleerem Auflieger. Wenn die Lagerverantwortlichen ihr Zeug fürs Werk loswerden wollen, lernen sie schnell, daß, was bis 07:00 nicht auf dem Auflieger ist, erst am nächsten Tag weiterkommt. Und von 08:00 bis 16:00 oder so ist genug Zeit, um i.d.R. auch alles loszuwerden im Werk. Wenn man in Ausnahmefällen mal was wieder mitbringt, auch kein Drama — dann läßt man es gleich auf dem Auflieger stehen und lädt bis 07:00 am Folgetag die inzwischen aufgelaufenen Sendungen dazu.

Stark vereinfacht, klar. Es fährt ja auch mehr als ein Lastwagen am Tag vom Logistikunternehmen ins Werk. Prima, dann staffelt man das: einer um 07:00, einer um 09:00 und einer um 11:00. Und alles, was die wieder mitbringen, kommt auf den 07:00-Laster des Folgetages.

Naja. Auch hier gilt wieder, wie immer: Logistik hat nix mit Logik zu tun. Solltet Ihr in letzter Zeit einen Neuwagen gekauft haben: denkt immer dran, es ist fast schon ein Wunder, daß all seine Teile den Weg ins Werk gefunden haben.

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