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Akustisches Dominanzverhalten

In einem lesenswerten Klartext bei heise Autos versucht Wolfgang Gomoll zu erklären, warum es denn Not tut, daß das Mopped sso laut is (wie Meister Röhrich sagen würde). Dabei gibt er einige hübsche Beobachtungen zum Besten wie die, „dass der laute Auspuff sich nahtlos einreiht in jedes andere akustische Dominanzverhalten, das vor allem junge Männchen an den Tag legen, bevor sie wirklich sozial empathisch geworden sind„, und die Folgerung: „Wenn alle schreien, kann sich keiner mehr durch Geschrei hervorheben.“ So weit, so traurig, so wahr, so gut.

Aber dann schreibt er unter der Überschrift „Lautstärkenelitarismus“ den verhängnisvollen Fehlschluß: „Das klingt jetzt, als würde ich argumentieren „nur die teuren, schnellen Fahrzeuge sollen laut sein“. Und das ist auch so. Ein Ferrari LaFerrari kann niemals ein echtes Lärmproblem werden, denn dazu gibt es zu wenige davon.

Nein, Herr Gomoll, genau falsch. Auch ein Ferrari LaFerrari (bescheuerter Name, BTW) hat sich verdammt nochmal an die Vorschriften zu halten! Und das Gebrüll, das moderne Supersportwagen mitunter von sich zu geben in der Lage sind, kann, so dachte ich, nie im Leben legal sein, wenn ich so an die Polizeikontrollen mit dem „viel zu lauten“ Käferauspuff denke, denn der immerhin machte kein Ohrenbluten (nur Ärger mit den Nachbarn, aber ich schweife ab). Ja, wie kann es eigentlich sein, daß ein AMG-Mercedes drei Häuserblocks weit zu hören sein darf?

Die Erklärung liefert, wie es der Zufall will, ein anderer heise-Autos-Artikel: das Stichwort heißt Klappenauspuffanlage. Genau wie es unterschiedliche Motorsteuerungs-Programme gibt je nachdem, ob man gerade einen Verbrauchs-Testzyklus fährt oder eine Landstraße, so gibt es auch einen Schalter zum Wechseln zwischen züchtigem Gebrabbel und gesundheitsgefährdendem Donner, ganz normal als Extra ab Werk.

Ich stelle mir gerade vor, wie man damals vom TÜV rituell in den Boden gestampft worden wäre, wäre man auf die Idee gekommen und dabei erwischt worden, Ähnliches in Heimarbeit am Käfer zu realisieren, vielleicht unter Zweitverwendung der bei den gammeligen Eimern, die wir damals so fuhren, ohnehin weitgehend sinnlosen Heizungszüge als Betätigung. Hei, das wäre ein Spaß gewesen! Und natürlich hätte er in sofortiger Stillegung geendet, na klar. Aber Mercedes, Porsche, Jaguar — die dürfen das.

Noch.

Denn eine in Arbeit befindliche EU-Richtline zum Thema enthält den schönen Satz: „Wenn das Fahrzeug über verschiedene Betriebsarten verfügt, die die Geräuschemission beeinflussen, müssen alle Betriebsarten die Bestimmungen dieses Anhangs erfüllen.

Eh die Lärmgeplagten unter Euch jetzt aufjubeln: Bis Juli.

Zweitausendsechsundzwanzig.

Und auf den Bestand an bereits zugelassenen (und bis Inkrafttreten weiter zugelassen werdenden) Lärmschleudern hat das natürlich auch keinen Einfluß, denn „Austauschschalldämpferanlagen für bestehende Fahrzeugtypen sind nicht betroffen, da Richtlinien und Verordnungen grundsätzlich nicht rückwirkend gelten können.

Ach? Können sie nicht? Hm, wieso darf ich dann ohne grüne „Feinstaub“-Plakette nicht nach Hannover rein? Nee, klar, ich versteh schon. Das dient ja der Förderung der notleidenden Automobilindustrie, nicht ihrer Schikanierung wie die EU-Verordnung 540/2014 über den Geräuschpegel von Kraftfahrzeugen und von Austauschschalldämpferanlagen sowie zur Änderung der Richtlinie 2007/46/EG und zur Aufhebung der Richtlinie 70/157/EWG. Da muß man schon ein bißchen geduldiger sein.

Naja. Bis ich Rentner bin und mich der Lärm dann wirklich aufregt, dürften die meisten Brüllkarren trotzdem ausgestorben sein.

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