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Die Stimmchen

Vermutlich ist es ein Zeichen des beginnenden Altersstarrsinns, wenn man sich fortwährend über Coverversionen von Popsongs aufregt, wie auch ich es ja an dieser Stelle öfter schon getan habe. Sei’s drum — es ist mal wieder an der Zeit. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Coverversionen, wirklich nicht. Da gibt es durchaus schlaue Ideen wie zum Beispiel die Ummodelung der unerträglichen Elvis-Schnulze „Always On My Mind“ in ein durchaus ohrwurmiges Elektropop-Stück durch die Pet Shop Boys, die übrigens auch U2s ach so künstlerisch wertvolles „Where the Streets Have No Name“ sehr stimmig mit Frankie Vallis banaler, aber auch etliche Male gecoverter Schnulze „Can’t Take My Eyes Off You“ zusammengerührt und damit aufs Feinste auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben.

Aber auch umgekehrt funktioniert dieses Rezept: die Balladisierungen etwa von Rihannas „Diamonds“ durch Josef Salvat, Tears for Fears‘ „Mad World“ durch Michael Andrews und Gary Jules oder auch a-has „Take On Me“ durch Graziella Shazad sind durchaus gelungen. Alles recht aktuell, das Rezept ist aber auch schon was älter, wie „What a Wonderful World“ von Art Garfunkel, Paul Simon und James Taylor zeigt: Es basiert nicht auf dem berühmten Louis-Armstrong-Song, sondern auf „(What a) Wonderful World“ von Sam Cooke, ist aber im Ergebnis näher an ersterem. Und wenn die Cover-Musiker völlig durchdrehen und dabei sowas rauskommt wie Katzenjammers grenzgeniale Klönk-Klimper-und-Schepper-Version von Genesis‘ „Land of Confusion“, dann kann es sogar passieren, daß ich mir wegen einer Coverversion eine Platte kauf und dann feststelle, daß die Band auch sonst Taug hat.

Oft bleibt aber bei einer Coverversion der ursprüngliche Charakter des Liedes weitgehend unverfremdet. Man dreht einfach (naja, was heißt einfach, das muß man auch erstmal können) alle Regler auf 11 (also nicht die tatsächlichen am Mischpult, sondern die virtuellen), und aus einem älteren, für damals sicher auch fetzigen, aber mittlerweile im Vergleich eher fußlahmen Stück wird wieder ein richtiges Brett, das in die Beine geht. Auch das ist okay so — als Beispiele seien Ugly Kid Joes Version von „Cats In the Cradle“ genannt (original von Harry Chapin (wem?)), das E-Gitarren-Geschrammel der Bangles auf Simon & Garfunkels „Hazy Shade of Winter“ und natürlich einer meiner Favoriten dieser Geschmacksrichtung: Fury In the Slaughterhouse mit „When I’m Dead and Gone“, von dem ich lange Jahre nicht mal ahnte, daß es eine Coverversion war, original von McGuinness Flint (wem?).

In jüngster Zeit jedoch fällt mir der umgekehrte Trend schmerzhaft ins Trommelfell: Lieder, die schon mehr oder weniger gute, aber jedenfalls schon richtig fette Bretter waren, werden verseichtet. Unabdingbare Zutat: ein Stimmchen. Irgendwelche Schulmädchen in kaum satisfaktionsfähigem Alter trällern zu Synthigeplärre und -wummern ein Lied, das das so nicht verdient hat, etwa „Ain’t Nobody (Loves Me Better)“ von Rufus feat. Chaka Kahn. Und ja, was jetzt kommt, ist vielleicht auch ein bißchen Ageïsmus, aber irgendwie macht eine 14-Jährige, die kaum verholen übers Vögeln singt, mir ein flaues Gefühl in der Magengegend. Daß Jasmine Thompson das für ne 14-Jährige nicht mal schlecht tut (also das Singen jetzt, zu Synthigeklimper von Felix Jähn übrigens, nicht das Vögeln, zumindest kann ich dazu nix sagen), tut dabei wenig zur Sache — aber ihr Stimmchen reicht auch von allem anderen abgesehen nicht wirklich, um den Song angemessen rüberzubringen. Genausowenig wie das von Anna Naklab, die, gefeatured (scheußliches Wort) von Alle Farben (komischer Name), Reamonns geniales „Supergirl“ verweichlicht. Und nein, das ist jetzt auch kein Sexismus — selbstverständlich wäre es nicht nur okay, sondern höchst erfrischend, wenn eine lesbische Sängerin ihre Angebetete besänge (gibt es sowas?), aber genau wie damals bei Sting, der sich in „Tomorrow We’ll See“ mit den Zeilen „My skirt’s too short / My tights have run / These new heels are killing me“ („Mein Rock ist zu kurz, ich habe Laufmaschen, und diese neuen Stiefel bringen mich um“) ziemlich unauslöschlich in den für die verstörenden Bilder zuständigen Teil meines Hirns eingebrannt hat, glaube ich ehrlich gesagt nicht, daß sich irgendjemand einen Kopp gemacht hat über diese Diskrepanz.

Alles Geschmackssache? In Grenzen, sicher. Natürlich bilde ich mir ein, das ganze halbwegs objektiv zu sehen. Tu ich nicht, ist mir auch klar. Aber ich würde schon ganz gerne verstehen, wer da diese ganzen Stimmchen in die Charts kauft. Das können doch nicht alles nur ihre Klassenkameraden sein?

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