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Weg vom Zerknalltreibling

Eigentlich ist es erstaunlich: fast jeder weiß (und die meisten geben es auch vor sich selber zu), daß es so nicht weitergehen kann mit dem motorisierten Individualverkehr und den Mengen an fossiler Energie, die derselbe verbrennt und in Luftschadstoffe verwandelt — und trotzdem gibt es keine wirklich spürbare Bewegung hin zu den Alternativen.

Einer der Gründe ist, daß von den Alternativen zu viel verlangt wird. Die meisten PKW stehen 22 oder 23 Stunden am Tag — den Rest schafft jedes Elektroauto ohne Zwischenladen. Trotzdem würde niemand ein Auto kaufen, das nach zwei Stunden an die Steckdose muß — was ist, wenn man damit in Urlaub fahren will? (Eine ganz ähnliche Argumentation dient übrigens auch der Rechtfertigung der Anschaffung eines siebensitzigen SUV spätestens bei der Geburt des zweiten Kindes, aber dies nur nebenbei.)

Nun kann man dem Autokäufer predigen, daß es nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch günstiger ist, einen kleinen, sparsamen, heute vielleicht auch schon elektrisch betriebenen Wagen zu fahren, der 95% der Zeit ausreicht, und für die restliche Zeit dann eben den benötigten Kleinbus, Geländewagen oder von mir aus auch Luxus- oder Sportwagen zu mieten. Auf besonders viel Gehör stoßen wird man damit aber nicht. Seh ich ja an mir selbst: eine 24 Jahre alte, fünftürige Mittelklasse-Limousine mit 120 PS und Automatikgetriebe brauche ich eigentlich nie und fahr trotzdem eine. Warum? Weil es Spaß macht.

Es bedarf also eines anderen Ansatzes, will man dem Explosionsmotor und dem fossilen Kraftstoff den Garaus machen. Die Alternativen müssen nicht nur wirtschaftlicher werden, sondern auch sexier. Wenn das Lustzentrum sagt: Sowas will ich! — dann findet das Gehirn schon selbst einen Weg, wie man sich sowas leisten kann.

Die Firma Tesla ist da schon auf einem ganz guten Weg. Man baut dort eben kein utiliarisches Elektroauto, sondern (nach einem Roadster als Einstieg) einen hocheleganten, unglaublich schnellen und sehr komfortablen Luxuswagen mit einem wegweisenden Update-Konzept, der nebenbei aber auch noch elektrisch angetrieben ist (und nur deswegen so schnell sein kann, weil das mit Elektroantrieben eben viel einfacher zu bauen ist als mit Explosionsmotoren). Und klar, natürlich ist das Ding teuer. Na und? Eine S-Klasse ist auch teuer. Aber ein Tesla ist sexier — und prompt verkauft er sich in den USA, wo er herkommt, immerhin schon mal besser als die S-Klasse.

Teslas erklärtes Ziel ist es, aus der Oberklasse hinunter in den Massenmarkt zu kommen. Das dazu benötigte Mittelklassefahrzeug, das „Model 3“, ist bisher nicht mehr als eine Designstudie — und trotzdem hat man bereits über 300.000 Vorbestellungen mit je 1.000 US-Dollar Anzahlung dafür eingesammelt. Das funktioniert also schon mal ganz gut.

Und trotzdem — auch 300.000 Elektroautos sind nichts, vergleicht man sie mit den Millionen Benzin- und Dieselautos, die alljährlich neu auf die Straßen kommen. Die Bundesregierung hat das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen zu haben; ein Ziel, das inzwischen illusorisch sein dürfte. Warum?

Ich denke, um die Reichweitenangst kommen wir nicht herum. Wer Langstrecken fährt, der will keine Batterien laden müssen, sondern volltanken und weiterfahren können.

Das Interessante dabei: so eine Technik gibt es. Volltanken wie bei einem Benzinauto und trotzdem elektrisch fahren wie mit einem Tesla. Sie nennt sich: Wasserstoff-Brennstoffzelle. Der unter hohem Druck verflüssigt getankte Wasserstoff verbindet sich in der Brennstoffzelle mit Luftsauerstoff zu Wasser, und die freiwerdende Energie wird zum Antrieb des Autos genutzt.

Diese Technik eröffnet die Möglichkeit eines sanften Übergangs von der derzeitigen Benzin-und-Diesel-Welt zu einer Welt von Elektrofahrzeugen. Der gestaltet sich so:

  1. Kurzstreckenfahrzeuge (Taxis, Busse, Müllwagen, Stadtlieferwagen etc.) können bereits heute problemlos durch batterie-elektrische Fahrzeuge ersetzt werden. Wo nötig, kann berührungslose Induktions-Ladetechnik etwa an Taxiständen und Bushaltestellen einen Dauerbetrieb ermöglichen. In einigen Städten fahren schon die ersten so ausgestatteten Busse.
  2. Neben batterie-elektrischen Privatwagen sollten auch brennstoffzellen-elektrische angeboten werden. Das bedingt eine Wasserstoff-Tankstellen-Infrastruktur. Da solche Fahrzeuge für die Langstrecke prädestiniert sind, reicht es aber, diese entlang der Fernstraßen zu errichten.
  3. Als „eierlegende Wollmilchsau“ fungiert der Hybridantrieb — nicht wie bisher mit Elektro- und Verbrennungsmotor, sondern nun halt mit Akku und Brennstoffzelle. Im Alltag billig und effizient an Steckdose oder Ladestation Strom tanken, aber trotzdem fernreisetauglich mit Wasserstoff-Betankung. Sicher erheblich teurer und schwerer als reine Batterie- wie Brennstoffzellen-Autos, aber man sehe sich auf den Straßen um: teure, schwere Autos verkaufen sich gut!
  4. Bleibt der schwere Güterfernverkehr. Klar, eigentlich will man den auf der Schiene haben, aber mit brennstoffzellen-elektrischen Lastwagen (die nebenbei mit gar nicht mal so großen Akkus durch regeneratives Bremsen bergab auch noch einen Haufen Energie sparen, der derzeit noch in den Retardern als Abwärme verpufft) wird er auch auf der Straße schon sehr viel nachhaltiger und erträglicher.
  5. Und für die Oldtimer, die Kleinserien-Sportwagen und die paar Prozent an Unverbesserlichen, für die ein Auto Brumm-Brumm machen muß, weil es sonst kein richtiges Auto ist — für die paar hunderttausend Autos, die auch in ein paar Jahrzehnten noch Explosionsmotoren haben werden, gibt es dann ja immer noch Biokraftstoffe, bis dahin sicherlich auch dank Biomass-to-liquid ohne die zu Recht kritisierte Konkurrenz zur landwirtschaftlichen Nahrungsproduktion.

Wie man das durchsetzt? Jedenfalls nicht mit ein paar tausend Euro Elektroauto-Kaufprämie, soviel ist nach den ersten Erfahrungen mit derselben mal sicher. Mein Vorschlag wäre: Spritsteuer rauf. Und zwar europaweit, und mit Ansage, also planbar. Sagen wir: pro Jahr um 20 Cent pro Liter, Biokraftstoffe natürlich weiterhin ausgenommen. Dazu ein schönes Förderprogramm für Akku-Ladestationen (eher in Städten) und Wasserstoff-Tankstellen (eher an Fernstraßen). Und dann wollen wir doch mal sehen, ob die geschätzte Autoindustrie es nicht ganz von selber — ohne jede Subventionierung — hinkriegt, den Millionen, die ihnen danach die Bude einrennen, schöne Akku- und Brennstoffzellen-Autos zu verkaufen.

Und wer dann 2025 immer noch einen Porsche Turbo haben will oder einen Zwölfzylinder-Bentley, oder einfach seinen geliebten Käfer oder Twingo behalten? Bitte, kein Problem, wer möchte, der darf ja. Heute gibt es ja auch noch ein paar hunderttausend Fossilien ohne Katalysator da draußen. Ein paar hunderttausend umweltschädliche Exoten sind auch gar nicht das Problem — das Problem sind die Millionen „normaler“ Autos, gefahren von „normalen“ Leuten. Wir können es uns nicht leisten, daß die noch jahrzehntelang fossile Energieträger verbrennen. Und im Gegensatz zu früheren Zeiten, wo wir es uns auch schon nicht leisten konnten, aber keine hinreichend attraktiven Alternativen anzubieten hatten, haben wir die heute.

Jetzt müssen wir es nur noch tun.

3 Kommentare

  1. Tobi

    Damit hast du im Prinzip völlig recht, die 95%-Ausreichensgrenze ist gut genug. Aber: Das Problem ist nicht das Verbrennen fossiler Energie, sondern die Mobilität an sich. Denn unabhängig von Strom oder Benzin braucht sie Energie und Platz — beides ist nicht unendlich vorhanden und beides konkurriert stark mit anderen Aspekten einer lebenswerten Stadt, in der nun einmal die meisten Menschen wohnen wollen.

    Daher würde ich das noch radikaler angehen: Pendlerpauschale abschaffen, stattdessen Autofahren hart besteuern und endlich den zerfasernden Siedlungsstrukturen durch kombinierte Bebauung und damit kurze Pendelwege entgegenwirken.

    Und Autobesitz wird natürlich ohnehin runtergehen, stattdessen gibts derzeit einen starken Trend zum reinen Autonutzen — als Mietwagen, Car sharing, oder sogar als Kombination von eigenem Auto für Kurzstrecke mit Tauschoption für den Jahresurlaub (Gibts von BMW für i3 + 5er). Derzeit ist die absolute Menge noch gering, aber die Zunahme ist unübersehbar.

    Und noch viel wichtiger: Das ganze als toll propagieren. Denn selbst wenn wir die Kurve kriegen, wollen Milliarden Menschen in anderen Ländern auch endlich einen eigenen PKW haben. Und dadurch entstehen wieder ähnliche Probleme.

    Tobi

  2. Dieter Schlabonski

    Tobi: 100% Zustimmung. War bloß nicht mein Thema 🙂

  3. Mordred

    ich denke, atonomes fahren ist hierfür eine nicht zu unterschätzende schlüsseltechnologie. man stelle sich vor, dass alle autos selbstständig fahren. dann besitzt keiner mehr ein eigenes auto. man ordert einfach via app „on demand“ das auto, was man für den einsatzzweck gerade braucht. und dann kommt das passende angefahren. man steigt ein, schläft/arbeitet/telefoniert/… und steigt am zielort aus. das kann dann jenachdem was man angegeben hat bspw. auch ein siebensitzer sein, der mich und 6 andere pendler zur arbeit bringt. gleichzeitig fahren wesentlich weniger lkw tagsüber durch die gegend, weil die nun rund um die uhr und ohne pause fahren können.
    der gesamtbedarf an kfz dürfte locker um 50% sinken.
    [und was ist eigentlich mit home office?]
    das problem heutzutage ist doch, dass aufwand und kosten für carsharing, mieten usw. viel zu hoch sind. ich habe nen einfamilienhaus, frau, hund und bald kinder. tatsächlich sind 85% meiner gefahrenen km zur arbeit. habe nen dacia duster mit lpg (kleines suv). ich muss aber auch einkaufen, für haus und garten alle nase lang sperrige gegenstände be- und entsorgen, den hund nehmen wir überall hin mit usw.
    wenn ich (sowie wahrscheinlich millionen andere hausbesitzer auch) nix praktischeres und günstigeres als es derzeit vorhanden ist vorgesetzt bekomme, behalte ich mein auto.
    und was ist eigentlich mit öpnv? wird ständig teurer, aber nicht ausgebaut. meine 50km arbeitsweg ausm ruhrgebiet nach düsseldorf sind durchschnittlich mit dem pkw 50% schneller zu absolvieren. und ich stehe nicht wie ne ölsardine in chronisch überfüllten zügen.

    summa summarum: ich habe kein problem damit, andere technologien zu nutzen und kein auto mehr zu besitzen. „freude am fahren“ und ähnlicher mumpitz kann mir auch gestohlen bleiben. nur sollte die umstellung nicht (völlig unnötiger weise) unpraktischer und teurer sein.

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