«

»

Establishment niedergetrumpelt

Nun ist es also doch passiert, was sich keiner vorzustellen wagte. Schon wieder. Nach dem Brexit, der ja, wir erinnern uns, von seinen Gegnern angeleiert wurde („laß uns darüber einfach mal volksabstimmen lassen, damit der Scheiß dann vom Tisch ist“ — und dann sagt das Volk „Ja!“, sowas Dummes aber auch, wer konnte denn damit rechnen?) erleben wir nun unter ganz ähnlichen Vorzeichen die Clintektomie. Denn auch die Demokraten haben ja den Herrn Trump als Gegner hochgeschoben in der Hoffnung, gegen den verwirrten Vollspacken eher gewinnen zu können als gegen einen weniger kontroversen Kandidaten. Toller Plan. Hat bloß nicht funktioniert. Anscheinend hat man doch ein wenig unterschätzt, wie abstoßend Hillary wirklich ist.

Und jetzt dauert es bestimmt nur noch Minuten, bis das Jammern und Wehklagen, die Wählerbeschimpfung und die düsteren Zukunftsaussichten auch in meiner Filterblase aufzuschlagen beginnen. Hach, wie ich mich darauf freue.

Ja sicher, Präsident Trump ist jetzt nicht gerade das Geilste, was ich mir als Ersatz für den Träger des Schwedischen Comedypreises hätte vorstellen können. Aber es war ja nun auch eine Wahl zwischen Pest und Cholera: will man lieber den populistischen, fremden- und frauenfeindlichen Rassisten oder doch lieber die merkbefreite Verbrecherin? Ehrlich gesagt: mir wäre die Entscheidung auch schwergefallen. Jeremy Clarkson hat das Problem ganz hübsch zusammengefaßt mit seiner Frage, ob sich unter 300 Millionen US-Bürgern denn wirklich keine geeigneteren Kandidaten hätten finden lassen als ausgerechnet die beiden.

Aber der Weltuntergang, den jetzt gleich viele heraufbeschwören werden — sorry, den seh ich nicht. Sicher ist es nicht gerade ein beruhigender Gedanke, daß Donald nun den Finger auf dem roten Knopf hat, aber hey, das war es bei Ronald, George oder George Dabbeljuh auch nicht gerade, und da ist auch nix passiert (wenn auch nur knapp). Ich bin weder von Trump noch von Putin ein Fan, aber für so bescheuert halte ich wirklich keinen der beiden, zumal man ja in Rußland sich auch recht angetan zeigt vom Wahlausgang — vielleicht taut’s ja sogar ein bißchen im Kalten Krieg, das wäre doch auch nicht das Verkehrteste. Klar, Vladimirs Zustimmung wird als weiteres Indiz dafür gesehen werden, wie schlimm Donalds Sieg nun sei, aber mir sind zwei Verbrecher, die einander gut finden, an den roten Knöpfen immer noch lieber als zwei erbitterte Feinde, selbst wenn einer davon ein Guter wäre. (Was ja auch nicht unbedingt der Fall sein muß.)

Gratulation nebenbei an einen weiteren Unsympathen in staatstragendem Amte, den Herrn Erdogan: Perfektes Timing für den nächsten Schritt auf dem Weg zum Diktator. Das Erstatten einer Anzeige wegen Beleidigung gegen alle Abgeordneten der größten Oppositionspartei in den Nachrichten der ganzen Welt unter „ferner liefen“ zu verstecken, schafft man nicht so ohne weiteres, aber heute klappt es prima, das hat er schon gefickt eingeschädelt.

Und daß man sich in Berlin in der Koalition nicht auf Klimaschutzziele einigen konnte, ist schon gleich ganz egal. Bis zur Bundestagswahl ist das eh vergessen.

Weitergehen, weitergehen. Hier gibt es nichts zu sehen.

Wenn ich abschließend eine Prognose wagen darf: Genausowenig, wie Obama seinen überreichlichen Vorschußlorbeeren gerecht geworden ist, werden sich die üblen Weissagungen über Trumps Präsidentschaft bewahrheiten. Klar, einiges wird schlimmer werden, und ich würde jetzt noch weniger als bisher in Amerika arm sein oder dorthin einwandern wollen, aber eigentlich habe ich vor dem komplett republikanischen Kongreß Senat und Repräsentantenhaus viel mehr Angst als vor der Witzfigur im Präsidentenamt. Aber auch alle zusammen werden nichts kaputtschlagen, das sich nicht auch wieder reparieren ließe — und ihre Wähler werden hoffentlich bald schon merken, daß auch ihre vermeintlichen Heilsbringer nur mit Wasser kochen und ebensowenig wie die Konkurrenz die Patentrezepte haben, mit denen alles gut wird.

Denn daß tatsächlich alles gut werden könnte — den Glauben habe ich schon vor Jahrzehnten verloren.

1 Kommentar

  1. emel

    Ich bin ja nur gespannt, was dieser Psychopath von seinen großspurig angekündigten Vorhaben (Mauer gen Mexiko, Abschaffung von Obamacare und Homoehe z.B.) durchsetzen wird- können kann er ja…
    Schaurig- ein Irrer im Weissen Haus!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>