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Paketinfarkt

Allmählich merken sie es, die Paketzusteller, daß es kein grenzenloses Wachstum gibt.  Nein, an den Kunden liegt es nicht, die schicken weiter Pakete bis zur Vergasung, letztes Jahr gut π Milliarden, dieses Jahr kommt wohl noch ne Milliarde obendrauf — vier Milliarden durch achtzig Millionen macht ein Paket pro Kopf und Woche, so brutal viel finde ich das jetzt gar nicht, auch wenn ich da normalerweise lang nicht drankomme.

Aber für die vorhandene Infrastruktur ist es zuviel, wie man hier bei Heise lesen kann.  Und die Konsequenz ist auch klar: es wird teurer.  Soweit, so normal.

Aber:

Erstens soll es nur teurer werden, wenn man sich das Paket nach Hause liefern läßt.  Wobei das ja sowieso schon eine ziemlich optimistische Werbeaussage ist, denn genug Leute, um jedes Paket zur Tür zu bringen, haben sie ja schon heute nicht mehr und verteilen deswegen die sogenannten Lügenzettel, auf denen ja statt „Leider haben wir Sie nicht angetroffen“ wahrheitsgemäßer „Hoffentlich merken Sie nicht, daß wir nicht geklingelt haben“ zu stehen hätte.  Aber in Zukunft will man jedenfalls nicht mehr die Paketzusteller zu Fuß an die Haus- oder Wohnungstüre des Kunden tapern lassen, sondern (in hochglänzenden Presseerklärungen) stattdessen Robotern oder Drohnen diesen Job geben oder (in der dreckigen Realität) den Kunden das erledigen lassen.  Es sei denn, er löhnt.

Meinetwegen.  Paketzusteller ist eh ein Scheißjob, den ich auch nur mal vor Jahren einen Samstag lang vertretungsweise für einen Kumpel gemacht habe und mir danach geschworen, daß mir das nicht nochmal passiert.  Und dann auch noch zu Hungerlöhnen knapp über Hartz?  Das will man den Leuten nicht antun, das seh ich ein.  Löhne und damit auch Porto hoch?  Dadurch, weil die Leute weniger versenden, Volumen runter?  Von mir aus gern!

Aber welches Wirtschaftsunternehmen kann es sich schon leisten, mit Ansage schrumpfen zu wollen?  Dazu hätte man dann schon noch eine Deutsche Bundespost haben müssen, um sowas zu beschließen.  Können wir also vergessen, das.

Ein anderer Ansatz zur Verkehrs- und Kostenminimierung wäre die sogenannte gebündelte oder, weil das wahrscheinlich zu sehr nach in einen Wertsack versackten Versackbeuteln klingt, „konsolidierte“ Zustellung: Es gibt ein gemeinsames Lager pro Stadt(teil), wohin alle Paketdienste ihre Sendungen schicken und von wo sie dann gemeinsam ausgefahren werden.  Schwupp, hat man nur noch ein Paketauto pro Tag und Straße.  (Zusteller braucht man nicht entsprechend weniger, denn das Gesamtvolumen sinkt ja nicht.)

Aber nein, jault zweitens der Bundesverband Paket- und Expresslogistik auf, das löse ja keine „Probleme auf der letzten Meile“ und führe zu „hohen Qualitätseinbußen für die Paketempfänger“.  Auf Deutsch: man hat Angst, von der Deutschen Post DHL Kunden abgejagt zu kriegen, wenn man nicht mehr seine eigenen Drückerkolonnen an die Haustüren schickt.  Ja.  Äh.  Moment mal, ich denke, Ihr wollt eh nicht mehr zu den Kunden nach Hause kommen?  Oh, ach ja, ich vergaß.  Gegen Extrakohle ja dann doch.

Und so werden sich dann wohl auch weiter die Sprinter von DHL, Hermes, DPD, UPS und wie sie alle heißen in zweiter Reihe in den Straßen stapeln und Staus verursachen.  Vielleicht werden sie in ein paar Jahren dann auch jeder einen Schwarm autonome Lieferroboter auskotzen und die Fußwege auch noch verstopfen, zumindest bis jeder davon an einer glitschigen Treppe oder einem kaum leserlichen Klingelschild verzweifelt ist und vom technischen Service wieder eingesammelt werden muß, deren Sprinter dann wohl in dritter Reihe parken müssen, weil die zweite ja schon voller Liefersprinter ist.

Und wenn die erste Amazon-Flugpaketdrohne abgeschmiert ist und im Fallen einen Fußgänger getroffen hat, der dann vor einen DPD-Sprinter gestolpert ist, der gerade mit 68 km/h durch die 30-Zone zu seiner nächsten Roboter-Abkotzstelle unterwegs war — dann ändert sich vielleicht mal was.

Vielleicht aber auch nicht.

1 Kommentar

  1. Blick Ableiter

    Das hätte ich nicht besser schreiben können. Super Artikel. Schönes Wochenende Kollege.

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