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Digitale Festung, auf Sand gebaut

Dan Brown, bekannt als Schöpfer des „Da Vinci Code“ (aka „Sakrileg“), schreibt in seinem Buch „Digital Fortress“ (aka „Diabolus“ oder „Sieh her, ich bin vom selben Autor wie ‚Sakrileg‘, und daß ich damit nix zu tun habe, merkst Du erst zuhause, wetten?“) einen derart beeindruckenden Unsinn, daß ich mich unwillkürlich frage, ob das Kirchenkennern mit dem Da Vinci-Kot auch so geht wie mir mit dem Digital Fortress-Scheiß: daß ihnen der Ärger über derart dreist frei erfundene „Fakten“ den Spaß am sonst gut gemachten Roman verdirbt.

Zur Sache, ohne zuviel zu verraten: Die NSA betreibe einen Supercomputer, der jeden Verschlüsselungs-Code in Minutenschnelle knacken könne, bis jemand (natürlich) einen unknackbaren Code geschrieben habe. Ohne mich über die selbst mir als Laien offensichtlichen Fehler in beider Beschreibung auslassen zu wollen (das haben andere vor mir schon getan), möchte ich hier mal nur einen einzigen, überdies relativ nichttechnischen Aspekt herauspicken, der dennoch die Prämisse des Buches stark ins Wanken bringt.

Man stelle sich vor, der Autor habe recht, und die NSA betreibe tatsächlich einen Computer, der binnen Minuten jeden üblicherweise verwendeten Code knacken kann. Das klingt bannig gefährlich, oder?

Nö.

Denn selbst mir wäre es doch ohne allzu große Klimmzüge möglich, dicke Leitung mal vorausgesetzt, ein System zusammenzubasteln, das, sagen wir, alle 5 Minuten eine normal verschlüsselte, nicht allzu kleine Datei, z.B. ein zufällig ausgewähltes Bild belanglosen Motivs, an meine Mitterroristen, Mitverschwörer oder wen auch immer schicken würde. Schon wäre der NSA-Denial of Service fertig: denn die müßten jetzt jede dieser Dateien erst entschlüsseln und dann ankucken, und zwar so richtig mit Mensch, um eventuelle Nutzdaten, z.B. eine abfotografierte Seite mit Text, zu finden. Oder zumindest ziemlich schlaue Mustererkennungsalgorithmen bemühen, um die abfotografieren Textseiten von den Käfertreffenbildern zu separieren.

Und selbst wenn ich vermutete, daß sie solches täten, könnte ich die Nutzdaten immer noch trivial verstecken: entweder offensichtlich, indem ich dazu überginge, Bilder von zufällig ausgewählten Buchseiten zu verschicken, damit die Mustererkennung dauernd anschlüge, oder subtil, indem ich die Nutzdaten mit dem Finger in den Staub auf der Haube des fotografierten Käfers schriebe, damit diese Datei als DOS-Futter verworfen würde.

Oder beides. Von durchaus bekannten elaborierteren Verfahren wie der Steganografie ganz abgesehen.

Und selbst wenn ich, wie die Öffentlichkeit im Roman, keine Ahnung habe, daß sowas wie dieser Supercomputer existieren könnte: Der knackt nun also so ne verschlüsselte Nachricht in sechs Minuten. Zehn pro Stunde. Zweihuindertvierzig am Tag. Ehrlich, ich bin geradezu starr vor Angst. Zweihundertvierzig am Tag krieg ich an Spam.

So. Fünf Minuten des Nachdenkens von einem Laien wie mir, und schon bricht das Fundament von Herrn Browns Roman zusammen wie ein Kartenhaus. Haben der Mann und sein Verlag keine Lektoren und Berater? Oder ist denen das einfach egal?

Disclaimer: Ja, das Buch ist ansonsten recht angenehm zu lesen, und nein, der Vorwurf „Du hast es doch gekauft, also hat’s denen nicht geschadet“ trifft nicht zu. Ich hab’s nämlich geschenkt bekommen.

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