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Nötigung und ähnlicher Unsinn

Stellt Euch mal folgende Situation vor: Einsame, schmale, bergige, kurvige, nicht gerade frisch asphaltierte Landstraße. Durchaus angemessenes Tempolimit: 80. Nacht, Regen, Sturm. Herbst halt. Und vor Euch ein Sattelzug, der außerorts so 50-60 fährt, innerorts auch mal 30 oder ein bißchen weniger. Überholen geht nicht.

Was macht Ihr?

Lichthupe, dicht auffahren, alle Naselang nach links rüberziehen, kurz: rumnerven?

Vermutlich nicht. Zumindest die meisten von Euch nicht. Der vorhin aber schon. Nun bin ich ja nach bald 10 Jahren auf dem Bock sowas mehr oder weniger gewohnt (sonst gäbe es so ein Posting wie dieses auch beinahe täglich), aber eins war heute anders als sonst: ein beschrankter Bahnübergang, der dem Fahrer des PKW (Typ konnte ich nicht erkennen) die Gelegenheit gab, auszusteigen, nach vorn zu gehen und dem Fahrer des im Weg herumschleichenden Lasters mal ordentlich die Meinung zu sagen.

Da fielen dann so unerfreuliche Wörter wie Mautpreller, herumschleichen, Arschloch, blockieren, Spinner und — noch am Bemerkenswertesten: Nötigung.

Ach, versuchte ich in einer Atempause unterzubringen, aber Lichthupe ist keine Nötigung?

Sinnlos. Natürlich. In Gegenrede verstieg sich der gute Mann dann noch in die Behauptung, selbstverständlich sei grundloses Langsamfahren Nötigung, das habe schließlich mal in der ADAC-Motorwelt gestanden.

Für die vermutlich leider wenigen, aber umso sympathischeren unter meinen Lesern, die sowas noch nie in der Hand hatten: die ADAC-Motorwelt ist die auflagenstärkste Zeitschrift Deutschlands, alldieweil der ADAC, Deutschlands größter „Verein“, sie allmonatlich kostenlos an all seine „Mitglieder“, sprich: Pannenhilfs-Vertragskunden, versendet. Im Gegensatz zur Auto-Bild, die gar nicht mal so schlecht ist, ist die Motorwelt aber auch sonst sowas wie die Bild-Zeitung unter den Motorzeitschriften: tendenziös, inhaltsarm und reißerisch. Kurz: in Niveau und Glaubwürdigkeit am ehesten einzuordnen in der Grauzone zwischen Apotheken-Umschau und Bayernkurier. Aber ich schweife ab. Wo war ich? Ach ja, der Typ pöbelt immer noch:

Und überhaupt, sonst rast ihr doch immer so, aber wenn man mal nicht überholen kann, dann könnt ihr auf einmal schleichen. Ihr Arschlöcher! So beendete mein Kontrahent seinen Beinahe-Monolog und stapfte sichtlich befriedigt zurück zu seinem PKW, um mich dann noch ein paar Kilometer weiterzunötigen, bis ich am Ziel — einem großen Industriebetrieb neben einem kleinen Dorf mitten im Nichts, und soviel zum Thema Mautpreller — endlich seine Bahn freimachte.

Seine letzte Bemerkung war es dann aber auch, die diese Antwort hervorlockte. Denn ja, zugegeben, vielleicht sieht es für Euch PKW-Fahrer ja wirklich so aus, als rasten wir. Wenn Ihr mit Strich Tacho 78 durch die Autobahnbaustelle trödelt und wir mit echten 84, also gefühlt 20 km/h schneller, von hinten angerauscht kommen, bevor unser Abstandsregeltempomat uns einbremst, weil wir gehofft haben, Ihr kämt doch noch mal aus dem Quark. Oder wenn wir mit optisch bedrohlich schwankendem Auflieger eine Spurverschwenkung auf eine tiefer liegende Gegenspur nehmen oder ungebremst mit deutlicher Schräglage durch die Verbindungskurve eines Autobahnkreuzes fräsen, weil wir genau diese Strecke jeden zweiten Tag fahren und wissen, daß das problemlos mit Reisegeschwindigkeit geht — und daß dahinter alles frei ist, weil wir eben über die Absperrbaken, Leitplanken, Blendschutzbaken, Buschwerk und so Gerödel einfach drüberwegkucken können.

Doch, manchmal sehen wir für Euch vermutlich wirklich bedrohlich schnell aus. In Eurem Rückspiegel, oder vor Eurer Haustür vielleicht auch. Langsam wirken wir immer nur in Eurer Windschutzscheibe.

Und dann schert Ihr aber trotzdem vom Beschleunigungsstreifen mit 70 vor uns ein und beschleunigt betont zärtlich. Warum macht Ihr das? Um zu kucken, ob wir auch brav Abstand halten? Unsere Abstandsregeltempomaten machen das für uns heutzutage, und die machen dasselbe wie ein denkender Mensch: sie sehen ein beschleunigendes Fahrzeug und denken sich, hach gut, da muß ich ja nicht in die Eisen für, der ist ja gleich weg. Und wir kucken über Euch und die Autoschlange vor Euch weg und denken, na, paßt schon, da vorne bremst keiner, die paar Sekunden mit 20-Meter-Abstand sind ja schnell vorbei. Wären sie ja auch, wenn Ihr mal aufs rechte Pedal trätet. Und was macht Ihr? Seht, oh, der Laster kriecht mir in den Auspuff, na dem werden wirs mal zeigen, und beschleunigt noch langsamer.

Hey, Leugnen ist zwecklos, ich erlebe das täglich dutzendfach, und ich muß auch den Abstand nicht schätzen, sondern bekomme ihn metergenau angezeigt.

Was Ihr dabei nicht bedenkt: Wir können viel weiter kucken als Ihr! Wenn wir wegen sowas nicht gleich bremsen (und unsere Abstandsregeltempomaten auch nicht), dann bedeutet das: alles ist gut, keine Gefahr. Wenn wir plötzlich viel mehr Abstand halten, solltet Ihr Euch viel mehr Sorgen machen. Dann haben wir nämlich was gesehen, was Ihr noch nicht wißt.

Aber zurück auf die eingangs beschriebene Landstraße. Ja, natürlich sind wir da langsamer unterwegs als in der Autobahnbaustelle: Wegen oft schlechterer und auch nicht viel breiterer Fahrbahn. Wegen Gegenverkehr. Wegen weicher Randstreifen statt harter Leitplanken, die nur darauf warten, uns in den Graben zu saugen. Wegen engerer Kurven. Und wegen Blendung durch Lichthupengewitter in den Außenspiegeln, nicht zuletzt.

Und weil wir es müssen. Denn was viele nicht wissen, zugegebenermaßen anscheinend auch einige von uns: Wir dürfen da, wo Ihr 100 dürft, nur 60. 80 dürfen wir nur da, wo Ihr in Abwesenheit konkreter Tempolimits volles Rohr dürft: Auf Autobahnen. Nicht mal auf autobahnähnlich ausgebauten Kraftfahrstraßen.

Wenn wir Euch also im Weg rumstehen, dann ist das keine böse Absicht. Was hätten wir auch davon? Wir wollen mindestens genauso gerne möglichst bald ans Ziel wie Ihr. Und genauso, wie wir es (meistens) akzeptieren, wenn Ihr angesichts einer Baustellen-Warnbake, eines Tunnelmunds oder einer Fahrbahnunebenheit auf einmal nur noch 70 fahrt, wird Euch nix anderes übrigbleiben, als zu akzeptieren, daß auch 30 in einer engen Ortsdurchfahrt mitunter zu schnell sein können, wenn die Dachrinnen tiefer hängen als die Außenspiegel und dahinten schon wieder einer mit großzügigem Abstand zum Bordstein parkt, während man die Scheinwerfer des Gegenverkehrs schon hinter der nächsten Kurve sieht.

Das seht Ihr alles nicht, klar, aber genau deswegen könnt Ihr auch nicht beurteilen, wie schnell wir da sinnvollerweise fahren sollten. Was auf den Schildern am Rande der Landstraße steht, sei es 30 im Ort oder 80 an seinem Ende, ist jedenfalls nicht wirklich relevant für uns, genausowenig wie 70 auf der Bundesstraße oder 120 auf der Autobahn. Spart Euch also die Lichthupe, davon werden wir nämlich eins garantiert nicht: schneller!

Mit trotz allem freundlichen Grüßen winkt aus dem Fahrerhaus:
Euer Dieter Schlabonski.

2 Pings

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