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Rückwärtsfahren will gelernt sein

Wenn man wie ich meistens Sattelzüge fährt, geht einem das Rückwärtsfahren mit denselben natürlich irgendwann in Fleisch und Blut über, und wenn man dann was anderes fährt, tut man sich naturgegeben schwer.  Das andere zerfällt bei normalgroßen Lastzügen in zwei Gruppen: einerseits „richtige“ Hängerzüge mit Deichsel, und andererseits Tandemhängerzüge.  Letztere haben den für Sattelschlepperfahrer unbestreitbaren Vorteil, sich auch rückwärts einigermaßen gleich zu benehmen.

Wenn man bei Sattel oder Tandem nämlich beim Rückwärtsfahren nach links lenkt, wandert das Heck des Zuges nach rechts — wie beim PKW-Anhänger.  Beim Deichselhängerzug (oder beim Gigaliner), der ja einen Drehpunkt mehr hat, wandert es nach links — und nein, das macht es nicht leichter.  Deichselhängerzug-Rückwärtsfahren ist die hohe Schule; und ich bin immer voller Bewunderung, wenn ich die DHL-Fahrer mit Deichselhängern ihre Wechselbrücken tauschen sehe — das fühlt sich für mich immer so an, wie sich normale Menschen beim Anblick von Ballett oder Eiskunstlauf fühlen.  Klar, ich würd das mit genug Zeit auch hinkriegen, aber eben ohne jede Eleganz; ich hab das nur in der Fahrschule ein paarmal gemacht, besser als ein blutiger Anhänger konnte ich das damals nicht und könnt ich das heute erst recht nicht mehr.

Sattel hingegen, oder eben auch Tandem: Geht schon.  Lieber fährt man natürlich Sattel, aber eigentlich eher wegen der weniger Arbeit: man muß halt nicht dauernd ab- und anhängen, wenn man von hinten beladen werden soll, sondern nur gelegentlich den Auflieger wechseln.

Bloß beim Rückwärts-an-die-Rampe-Fahren lauert auf den Sattelschlepperfahrer, der jetzt auf einmal Tandem fahren soll, ein unerwartetes Problem.  Mit Anhänger: kein Thema, benimmt sich ja fast wie ein Sattelzug.  Aber ohne Anhänger zwecks Beladens der Ladefläche des Lastwagens ist es unerwartet schwierig.  Da merkt man erstmal, wie sehr da Muskelgedächtnis und Unterbewußtsein übernehmen: das Heck wandert nach rechts von der Sollinie ab, man lenkt automatisch nach rechts (weil es dann mit Auflieger oder Hänger wieder nach links käme), und es wandert stattdessen noch schneller nach rechts!

Mit Auflieger oder Tandemhänger fahr ich meist im ersten oder zweiten, manchmal auch im dritten Versuch rückwärts an die Rampe.  Mit einem Lastwagen ohne Hänger sind fünf Versuche schon wenig.

Das Gespött der Kollegen ist einem da natürlich sicher.  Aber da muß man drüberstehen, auch mit Auflieger oder Tandemhänger übrigens.  Denn immer dran denken: Spott ist nach 5 Minuten vorbei.  Wenn man irgendwas anrempelt, dauert der Schreibkram viel viel länger.

2 Kommentare

  1. Pantoufle

    Da war dieser Feldweg mit der Biegung.
    Ich war noch nicht allzu lange in diesem Geschäft. Der Anblick von Truckern und ihre Autos war mit zwar vertraut, aber so aus der Nähe und mit Namen…
    Jedenfalls war da dieser eine. Seine Kollegen hatten bereits versucht, über diesen mit Kopfstein gepflasterten Feldweg rückwärts an die Halle zu fahren. Mit Hilfe aller Beteiligten. Einer links, der andere rechts und in der Mitte ein schwitzender Fahrer. Viel Platz war da nicht. Dafür auf beiden Seiten der Morast, der drohte, Fahrer und Auflieger erst nach Jahrtausenden wieder freizugeben. Zur Freude aller Archäologen und Völkerkundler. »Diese guterhaltene Moor-Leiche eines Lastkraftwagenfahrers aus dem späten 20. Jahrhunderts… Sein Mageninhalt, den wir analysierten, läßt auf eine extrem ungesunde Ernährung…« na ja – und so weiter.

    Drei Trailer, drei Schicksale. »Unser« Fahrer war natürlich besser als die anderen. Klar! »Bleibt bloß hier stehen! Wer versucht mir zu helfen, hängt am nächsten Ast!« als letzte Warnung. Der Weg machte auf seinen 300m zwei scharfe Biegungen, Breite max 2,8m an der weitesten Stelle. Natürlich in einem Zug. Ohne zurückzusetzen, ohne Stillstand und ohne üben. Stille. Da stand er nun vor dem Tor. Nur der Fahrer war nicht mehr derselbe. In Zivil eingestiegen, sprang er in Cowboystiefeln, Stetson und unüberhörbarer Country UND Westernmusik aus seiner Zugmaschine. So war er jedenfalls nicht losgefahren. Vor allem an das spitze Schuhwerk konnte sich auch später niemand erinnern. Das hatte er mit Sicherheit vorher nicht an.

    Ja, ich weiß, daß einige von Euch ihren Namen in zierlichen Lettern auf die Straße schreiben können! Ich achte das. Ehrlich! Aber die Gebräuche der Aborigines aufgrund dieser Kunststücke…

    1. Dieter Schlabonski

      Hach! Danke.

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