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Democracy Fail

Heute wärs also soweit gewesen. Heute war beinahe der große Tag, an dem die Briten die EU hätten verlassen wollen. Vorerst gescheitert ist das nicht nur am kindergartenkindischen Abstimmungsstil des Unterhauses („Willst du Kartoffeln?“ — „Nein!“ — „Willst du Nudeln?“ — „Nein!“ — „Willst du Reis?“ — „Nein!“ — „…“ — „Nein! Nein! Nein!“) und auch nicht wirklich an den unmöglichen Vorgaben (GB will aus der EU raus, Irland nicht, aber die grüne Grenze zwischen beiden muß unbedingt erhalten bleiben), sondern an einem ganz einfachen Demokratieproblem: wenn es drei einander widersprechende Alternativen gibt, kann es passieren, daß keine eine Mehrheit findet.

Also gibt es weder einen harten noch einen geregelten noch gar keinen Brexit.

So wie seit über tausend Tagen.

Gut, andere Nationen schaffen es in tausend Tagen nicht mal, das Licht in einem Flughafen auszuschalten, aber herrjeh. Echt jetzt? Was haben die da eigentlich all die Jahre gemacht?

Klar, Frau May hat gehofft, daß sich, wenn der automatische harte Brexit nicht mehr nur am Horizont dräut, sondern in voller Fahrt auf alle Beteiligten zurollt, schon noch alle zusammenraufen werden und zähneknirschend Ja sagen. Hat jetzt schon zweimal nicht geklappt (trotz Verschiebungen der Abstimmung wegen absehbaren Scheiterns am ursprünglichen Termin), und wird heute, so prophezeihe ich {Nachtrag: korrekt, was aber auch keine große Leistung war}, auch noch ein drittes Mal scheitern. Obwohl sie ihren Rücktritt als zusätzliches Leckerli zur Belohnung für ein Ja mit anbietet — was wohl nicht viel wert ist, denn eine große Zukunft als Premierministerin gibt ihr wohl ohnehin keiner mehr.

Und dann? Bis zum 12. April müssen neue Vorschläge auf den Tisch. Das klappt bestimmt, da hab ich ein gutes Gefühl bei.

Mit einer der krassesten Widersprüchlichkeiten in dem ganzen Drama finde ich ja, daß eine zweite Volksbefragung („Damals habt ihr mit dem Bauch abgestimmt, verstehen wir, aber mit dem, was ihr jetzt alles wißt und damals noch nicht wußtet: Wollt ihr das ernsthaft immer noch?“) stets mit dem Hinweis „Abgestimmt ist abgestimmt“ abgelehnt wird, man kann ja nicht so oft abstimmen lassen, bis einem das Ergebnis paßt, nichtwahr — und im selben Atemzug dann die nächste Abstimmung über denselben Vertrag im Unterhaus vorbereitet.

Ich sehe realistisch nur noch 2 Möglichkeiten: Harter Brexit mit allen damit verbundenen Schmerzen und Katastrophen (und ich denke, die Chancen stehen nicht schlecht, daß sie in ein paar Jahren wieder angekrochen kommen und zurück in die EU wollen — meinetwegen gern, aber dann bitte ohne die Thatcherschen Sonderlocken), oder eben doch ein zweites Referendum:

1. Geregelter Brexit nach dem ausgehandelten Vertrag? (J/N)
2. Falls bei 1. N rauskommt: Harter Brexit? SRSLY? (J/N)

Und wenn sie dann tatsächlich 1. N und 2. J stimmen? Dann, und erst dann, haben sie es nicht besser verdient.

5 Kommentare

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  1. wvs

    Ich bin sehr dafür das es zum harten Brexit kommt. Es ist so erbärmlich, welches Schauspiel da gegeben wird. Diese unsägliche Trudelei zwischen grundsätzlich unmöglichen und gänzlich absurden Vorstellungen ist doch ein Witz. Keiner der britischen Witze, leider, für das das Inselvolk allenthalben bekannt wurde.

    Natürlich werden sie wieder ankommen – und wie Sie hoffe ich darauf, dass sie dieses Mal keien Sonderbehandlung und Extrawürste bekommen.

    Mir tun all die Leute leid, die entweder dort zwangsweise nicht mehr arbeiten leben können weil ihre Firmen dicht machen und sie mitziehen müssen wenn sie den Job behalten wollen, oder, wie viele Briten, nicht mehr ihren Ruhestand in europäischen Feriengebieten zum Überwintern nutzen können.

  2. derChristoph

    Ich hoffe ja, dass es ein zweites Referendum mit dem Ergebnis: „Sagen wir, es war nix:“ kommt und der Brexit nicht kommt. Das wäre für alle Beteiligten am besten.

  3. Dieter Schlabonski

    Einen Hard Brexit kann man eigentlich nur aus Schadenfreude wollen — okay, Schadenfreude ist ein legitimes Gefühl 😉 Aber es sieht ja auch nicht danach aus, selbst an der Europawahl wollen sie ja notfalls nun doch wieder teilnehmen müssen … es könnte natürlich auch eine endlose Brexitverschleppung rauskommen, und damit eine treffliche Parallele zu einem anderen gigantischen Fail mit B, der uns schon deutlich länger „erfreut“ …

  4. derChristoph

    Ich bin mir mittlerweile sicher, dass der Brexit nicht stattfinden wird.
    Was aber als gesichert gilt, ist die Tatsache, dass hierorts ab Freitag wieder gefreitagstextert wird.

  5. Raymond

    Die Frau May tritt ja in kürze zurück. Dann finden wir vielleicht neue Lösungen und Wege. Aber wie der Artikel auch beschreibt, ich glaube das viele Briten jetzt anders stimmen würden. Kann mir kaum vorstellen wie viele Unternehmen ihren Hauptsitz in der UK verlassen werden um weiterhin am EU Binnenmarkt teilzunehmen. Wird interessant bleiben. Toller Artikel.

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