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I’d have liked to read on, my dear

Eins der Blogs auf meiner Blogrolle, nämlich Read on my dear, read on, ist in den letzten Tagen noch ein bißchen bekannter geworden als sowieso schon, und zwar weil rauskam, daß seine Autorin, eben das Fräulein Read On, es anscheinend mit der Wahrheit nicht so genau genommen hat.

Und zwar schon auch auf einem anderen Level als der Unterzeichnete, der, und hoffentlich fällt jetzt kein Leser aus allen Wolken, hier die eine oder andere Geschichte auch ein wenig ausgeschmückt oder auch vereinzelt frei erfunden hat.  Das Fräulein, so man dem Tagesspiegel zum Beispiel glauben mag, hat sich ihre komplette jüdische Vergangenheit samt Holocaust-Opfern ausgedacht — das ist schon ein anderes Kaliber.  Und diese erfundenen ermordeten Verwandten dann auch noch einem Opferarchiv zu melden, ist dann spätestens nicht mehr entschuldbar, auch und gerade gegenüber den echten Opfern.

Entsprechend großzügig fällt jetzt der Shitstorm aus, Artikel des Fräuleins werden depubliziert, Preise werden aberkannt, Menschen schreiben Übersichten über ihre Verfehlungen, das Blog ist offline, und Twitter will ich mir daraufhin gar nicht ankucken.

Denn eigentlich ist es mir egal.

Der Grund, warum ich Fräulein Read On damals in meine Blogrolle hievte und einen Artikel darüber schrieb, war nicht ihre jüdsche Verwandschaft, nicht ihre angebliche Flüchtlingsaufklärungspraxis und auch nicht ihr vielleicht angebliches Engagement in Afrika, sondern die schönen Alltagsgeschichten, die tiefen Gedanken und die kleinen Beobachtungen, die uneinladend langen Absätze, die es einem doch immer wieder mit schönen Worten vergalten, wenn man sich die Mühe machte, sich dann doch „hineinzufräsen“, wie ich damals schrieb.

Und all das finde ich auch heute noch genauso schön.

Die Geschichten um das Dorf in Irland, den Tierarzt, die Frau des Krämers und natürlich Kälbchen sind Kollateralschäden eines Shitstorms, der mir egal ist.  Einige von ihnen liegen noch im RSS-Feed auf meiner Platte, und dort werden sie bleiben — zum gelegentlichen genußbetonten Nachlesen.

Und vielleicht, und ich hoffe es wirklich, kommt dieses Blog ja irgendwann zurück — deutlich als fiktiv gekennzeichnet natürlich, selbst wo es das nicht ist.  Nächsten Monat wird ja bestimmt schon wieder eine andere Sau, oder sagen wir hier mal lieber: ein anderes Kälbchen durchs Dorf getrieben.

Fräulein Read On: Ich würde mich freuen, wieder von Ihnen zu lesen.  Und in meiner Blogrolle dürfen Sie auch bleiben.

6 Kommentare

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  1. Hanna Herz

    Wundervoll geschrieben…sie beging Fehler aber haben wir nicht alle unsere dunklen Taeler U Abgründe…? Es ist nur zu hoffen dass sie den shitstorm unbeschadet uebersteht U diesen nicht mit ihrem Leben bezahlen muss…

  2. kelef

    da sind wir, verehrtester, ganz und gar einer meinung. die sache mit yad vaschem ist unverzeihlich, davon beisst die maus keinen faden ab, und das kann man auch durch nix erklären. gerade einer historikerin sollte doch klar sein, dass sowas irgendwann zwangsläufig ins auge gehen muss.

    bei vielen geschichten – die ich ebenfalls mit grossem vergnügen gelesen habe – dachte ich wohl: also ganz genau SO war das sicher nicht, aber wieso hätte ich da genau nachsuchen sollen?

    vielleicht – so hatte ich manchmal das gefühl – werden da gehörtes, erlebtes, ausgeschmücktes und verbrämtes mehrerer ganz unterschiedlicher personen zu einer einzigen geschichte verwoben: so lange gut erzählt wird, ist das per se eigentlich nix schlimmes. natürlich könnte man quellen und personen nennen, oder zumindest … und so weiter und so fort.

    irgendwann entwickeln solche sachen halt eine eigendynamik, und aus der dann wieder heil herauszukommen ist ein sehr schwieriges, wenn nicht unmögliches unterfangen.

    aber wenn sie wieder irgendwo auftaucht und geschichten schreibt, dann lese ich die bestimmt auch wieder.

  3. Karla Ehrmann

    Opfer zu erfinden, sich selbst und die eigene Familie in diesen Kreis einzureihen, obwohl nichts davon wahr ist, finde ich ehrlich gesagt mehr als dreist und unverschämt. Gegenüber den Opfern, der Geschichte und jedem, der sich ernsthaft und wahrheitsgemäß mit diesen Themen beschäftigt. Und dann ist sie noch Historikerin…da sollte man wirklich einen Funken Berufsethos besitzen.

    1. Dieter Schlabonski

      Da stimme ich zu. Aber um den Blog und die Geschichten ist es trotzdem schade.

  4. wvs

    Jeder, der ein Blog betreibt, hat an manchen Stellen während des Schreibens schon einmal ein paar Akzente so gesetzt, dass der Artikel besser zu lesen und zu verstehen ist, möglicherweise auch interessanter wird, wenn ein Detail (aus einer ganz anderen Situation stammend) eingefügt wird.
    Das halte ich nicht für ehrenrührig, denn schließlich wollen Lesende ja unterhalten und nicht gelangweilt werden. Ich schreibe ja weniger solche Geschichten auf, daher kommt es eher selten vor, dass ich da ein wenig ‚mogeln‘ müsste ….

    Allerdings bin ich bei dem geschilderten Vorgehen doch recht unversöhnlich und wenn auch ansonsten alles *top* war – das ist ein absolutes „No-No!“. Wenn Leute wegen eines (durch Plagiat) erschlichenen Doktortitels geächtet werden, dann ist das erfinden einer Vita bei einer Fachfrau mindestens gleich zu bewerten. Es geht da nicht nur um den Ruf einer Einzelperson, sondern um das Vertrauen in die wissenschaftliche Ehrlichkeit.

    1. Dieter Schlabonski

      Über Ihren Kommentar mußte ich ein wenig nachdenken, und dann fiel die Antwort irgendwann hinten runter — Entschuldigung.

      Den Vergleich, den Sie da ziehen, finde ich durchaus angemessen. Die erschwindelte Doktorarbeit ist auch in meinen Augen der erfundenen jüdischen Vergangenheit durchaus ebenbürtig, sprich: im jeweiligen Kontext — Akademie hier, Wissenschaft da — ein GAU. Keine Frage. Das Fräulein Read On wird es schwer haben, als Historikerin zu arbeiten, und das auch durchaus zu recht.

      Das war aber nun genau gerade nicht der Punkt. Denn es ging mir nicht um die Historikerin, sondern um die Geschichtenerzählerin. Und der Wahrheitsgehalt der Geschichten war mir dabei genauso egal wie bei einem Roman von Stephen King oder meinetwegen der Autobiographie von Lee Iacocca — Hauptsache, es liest sich gut. Und das tat und tut es in allen genannten Fällen.

      Ich gehe da sogar noch einen Schritt weiter und werfe mal einen weiteren Namen in den Ring: Louis C.K. Der hat wohl wie so viele seinen Schwanz nicht immer in der Hose behalten können, wenn das opportun gewesen wäre. Entsprechend gab es einen Riesen-#Aufschrei, und das auch nicht zu unrecht — aber seine Bühnenprogramme finde ich trotzdem immer noch witzig, und ich hoffe, daß es irgendwann auch wieder neue geben wird. Dasselbe Argument erklärt dann auch, warum ich Filme mit ziemlich ekelhaften Fundi-Christen wie Mel Gibson oder … ja, ist der genauso eklig, oder weniger, oder mehr? Weiß ich gar nicht, wozu auch … jedenfalls mit Scientologen wie Tom Cruise ebenfalls mir zu Gemüte führe.

      Abschließende Frage: Wenn Bernd Höcke ein brillanter Stand-up-Comedian oder Poetry-Slammer wäre, würde ich mir das dann ankucken? Gute Frage. Sehr sehr gute Frage.

      Wenigstens besteht keine akute Gefahr, daß ich sie beantworten müssen werde.

      Nachtrag: So beim Drüberlesen fällt mir auf, daß man es so lesen könnte, als würde ich Stephen King und Lee Iacocca in eine gewisse Schmuddelecke rücken. Es ist mir ein Bedürfnis zu betonen, daß mir von beiden nichts auch nur irgendwie Negatives über ihren Lebenswandel jemals zu hören gekommen ist!

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