«

»

Passat

Dieser Passat wurde vor 25 Jahren sich selbst und der Natur überlassen, am Rande eines Dorfes unweit einer Tankstelle mit Werkstatt und mit stetig wechselnden, jüngeren und besser erhaltenen, aber ebenso abgemeldeten Leidensgenossen.

Wie mag es dazu gekommen sein? Da kann man nur spekulieren. Und weil ich dazu Lust habe und seit 25 Jahren alle paar Wochen, wenn ich dran vorbeikomme, darüber sinniere, gibt es jetzt ein paar frei erfundene Mikrogeschichten.

Da ist Bernd, der den Passat mit durchgeblasener Zylinderkopfdichtung abgestellt hat, „über den Winter, dann mach ich den, der ist doch noch viel zu gut zum Wegschmeißen!“ Seine Freunde sprechen den Satz seit 20 Jahren wortgetreu mit.Oder fand die Polizei den Passat in der nahen Kiesgrube, mit einer Frauenleiche im Laderaum, und stellte ihn nach der Spurensicherung bei der Tankstelle ab, bis der Halter und Mörder ermittelt wäre? Hat ja toll geklappt, Jungs.

Vielleicht war es auch Erwin aus Rostock, der den Wagen 1989 für den Spottpreis von 8000 Mark gekauft hat. 1992 kam dann das dritte Kind, der Ford Galaxy und die Einsicht, daß der VW nur 3000 wert war. Verkaufen? Dafür niemals!

Maurice ist Künstler. Mit seiner Installation „Variant“ will er die Vergänglichkeit aller Dinge darstellen. Seine Freunde lachen ihn aus: „Hätteste mal einen Alfa genommen oder einen Renault! So wird das nix mit der Vergänglichkeit!“

Ja, Karin weiß selbst, daß das Aufbewahren des Autos, in dem sie einst ihre Jungfräulichkeit verlor, völlig bescheuert ist. Aber wenn sie mit ihrem Twingo vorbeifährt, entlockt ihr der gealterte Passat immer noch ein Lächeln.

„Und hier sehen sie unseren Dauertest zur Rostresistenz unter Normalbedingungen.“ – „Der sieht doch gut aus! Mir scheint, wir hatten den Rostschutz damals gut im Griff.“ – „Besser als heute, möchte man sagen.“ – „Ja. Besser als heute.“

Seit ihr Helmut gestorben ist, hat Gertrude seinen Passat nicht bewegt. Wie auch, ohne Führerschein? Aber sie zahlt jeden Monat die Standplatzmiete, genauso unerschütterlich wie die Grabstelle. Ihre Kinder haben längst aufgegeben.

„Meister! Wat wult ji einklich mit den oulen Passat machen?“ – „Och Wäänä, nach den hat seit Johrn keiner mehr gefraacht!“ – „Soll das mal’n Oldtimer wern?“ – „Komm sabbel nich, der Insignia muß heut noch fertich, seh to!“ – „Ja Meister.“

6 Kommentare

Zum Kommentar-Formular springen

  1. Bernd

    „Den Wagen verkaufe ich erst, wenn ich den Führerschein abgebe.“
    Ernst, 97, Rentner

  2. Tux2000

    Sch… auf den Passat, der BX Break im Hintergrund dürfte weit seltener sein. Serie 2, Wunschkennzeichen, und der steht dort nicht länger als ein paar Stunden.

    1. Dieter Schlabonski

      Stimmt, das ist meiner 🙂

  3. Luke

    „Guten Tag, ich hätte gerne eine neues Autoradio für meinen Passat der da draußen steht“
    „Passat? Kollege – an deiner Stelle würde ich das Radio behalten und das Auto wechseln!“

  4. emel

    Trotz des seltenen BX- die Texte zum räudigen Passat gefallen mir!

  5. Blick Ableiter

    Herrlich. Habe deine Mikrogeschichten mit Genuss gelesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>