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Mama

Mama konnte nie ruhig schlafen, wenn „das Kind“ unterwegs war.

Früher war das kein Thema. Sie blieb halt wach, bis ich heimkam. Und als ich irgendwann nicht mehr jede Nacht heimkam, lernte ich schnell, daß es eine gute Idee war, sie dann anzurufen. Nicht, daß sie es mir übelgenommen hätte, wenn ich es nicht tat, aber ich sah es an ihren Augenringen.

Als ich dann auszog, zivildienstleistete, studierte und einen Bürojob hatte, geriet das in Vergessenheit. Aber als „das Kind“ dann Fernfahrer wurde, begann es wieder, das Ritual des allabendlichen Telefonats. Es begann immer gleich: Ich sagte „Taaag“, sie sagte „Quaaak“. Ich habe nie erfahren, ob das ein Scherz war oder ob sie mein „Taaag“ falsch verstanden hatte. Ihr Gehör war nicht mehr das beste.

Diese Telefonate hatten wenig Tiefgang. Wie auch? Was täglich passiert, wird Routine. Eine interessante Nachricht vielleicht, ein Scherz, eine Anekdote aus dem Leben. Ein paar Minuten.

Es hat mich tatsächlich nie genervt, diese Telefonate führen zu „müssen“. Ich war nicht der beste Sohn der Welt, aber diese paar Minuten waren schon okay. Ich spürte, wieviel sie ihr bedeuteten. Und ich telefonierte gern mit ihr.

2017 wurde ich langfristig krank und zog wieder bei den Eltern ein. Was sollte ich allein in einem mir immer noch fremden Dorf? Gut ein Jahr zog es sich, gut ein Jahr wohnte ich mit 48 wieder bei meinen Eltern in einem Haus, das ein anderes war und woanders stand als das meiner Kindheit und Jugend.

Im Dezember 2018 versuchte meine Mama, Vaddern und mich zur Anschaffung eines Weihnachtsbaumes zu überreden. Ich denke, spätestens um den 16. rum hätte sie uns soweit gehabt. Sie war immer die einzige von uns dreien, die auf Glitzer und Funkel stand. Leider lebte sie nicht lang genug.

Am frühen Morgen des 12. Dezember 2018 wurde ich durch die Haustürklingel geweckt. Im Halbschlaf wankte ich zur Tür, um das vermutete Paket entgegenzunehmen. Vor der Tür stand aber kein Paketbote, sondern der Rettungsdienst, von Vaddern gerufen. Sie haben dann noch eine Dreiviertelstunde versucht, Mama zu reanimieren — ich vermute bis heute: mehr um Vaddern zu helfen als weil sie da wirklich eine Chance sahen. Fieserweise hatte die Rettungssanitäterin eine sehr ähnliche Stimme wie Mama. Jedesmal, wenn sie was sagte, schöpfte ich unten im Erdgeschoß kurz Hoffnung, obwohl ich eigentlich längst wußte, daß es vorbei war.

Als sie aufgaben, konnte ich nicht weinen.

Die Rettungssanitäterin kam in mein Zimmer und erklärte mir, daß sie tot sei. Sie liege zugedeckt im Bett, mit geschlossenen Augen, und ich könne jetzt Abschied nehmen.

Ich wollte nicht.

Gehen Sie, sagte sie, es wird Ihnen helfen. Ich hatte Angst. Ich hatte noch nie eine Leiche gesehen, und ich befürchtete, den Anblick nie wieder loszuwerden. Aber die Rettungssanitäterin überredete mich geduldig und sanft, doch hineinzugehen. Und Mama sah aus, als ob sie friedlich schlafe. Ich streichelte über ihr fast schon kaltes Gesicht und begriff.

Der Vormittag verging im Nebel. Vaddern lag bei Mama im Ehebett und heulte. Ich saß auf der Treppe und starrte ins Leere. Irgendwann kam der Bestatter. Keiner von uns wollte mitansehen, wie sie Mama vom Ehebett im 1. Stock über die enge Treppe in den schnöden VW Caddy Maxi bugsierten.

Ein paar Tage später war dann der Besuch im Abschiedszimmer des Bestatters. Sie sah immer noch genauso friedlich aus, aber viel schöner angezogen, als ich sie je lebend gesehen hatte. Es fühlte sich falsch an. Aber dann sagte meine Cousine: Schau mal, sie blinzelt! Und tatsächlich: ihr rechtes Augenlid war nicht ganz geschlossen. Klar, sagte Vaddern: Sie muß doch wissen, wer alles gekommen ist. Und dann konnten wir das erstemal lächeln. Kurz. Bevor wir wieder losheulten.

Dieser Moment des Lächelns über etwas, das sie im Leben mit Sicherheit getan hätte, war zurückblickend der Moment, in dem für mich der Schock des Verlustes begann, ganz langsam zu einer Erinnerung umgebaut zu werden. Der Prozeß dieses Umbaus ist heute, mehr als anderthalb Jahre später, noch nicht abgeschlossen — diesen Text zu tippen mußte ich mehrfach unterbrechen, weil Tränen den Blick verschwimmen ließen. Aber es wird.

Es wird.

Hach, Mama. Du fehlst mir immer noch.

Quaaak.

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