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Warum ich jetzt doch wieder Vim benutze

Es war ein ganz normaler Dienstag. Mein Rechner lief schon seit zwei Tagen unter Volllast, irgendein Node-Prozess der eigentlich hätte beendet sein sollen war's nicht, und VSCode hat entsprechend reagiert – also mit der Begeisterung eines überarbeiteten Mitarbeiters kurz vor Feierabend. Langsam, träge, und gelegentlich einfach weg.

Ich hab vim getippt. Keine große Überlegung dahinter, einfach Reflex. Ich wolte eine Konfigurationsdatei schnell anschauen. Was ich nicht geplant hatte: dass ich danach drei Stunden darin verbringen würde, erst aus Versehen, dann aus Gewohnheit, dann weil's tatsächlich Spaß gemacht hat.

Der Wiedereinstieg – ehrlich bewertet

Ich hab Vim schon mal benutzt, 2017 für etwa ein Jahr. Dann bin ich zu VSCode gewechselt weil das Team das benutzt hat und ich keine Lust hatte jedes Mal zu erklären warum mein Editor aussieht wie 1993. VSCode ist gut. Das sag ich ohne Ironie. Aber es ist auch schwer, langsam wenn's voll ist, und hat inzwischen mehr Extensions als ich in meinem Leben brauche.

Was beim Wiedereinstieg überraschend war: ich hab :wq nicht vergessen. Und :dd nicht. Und gg und G und / für die Suche. Das Muskelgedächtnis war einfach noch da, unter drei Jahren VSCode-Benutzung vergraben aber nicht weg. Das hat mich ehrlich gesagt mehr beeindruckt als alles andere.

Was ich neu lernen musste: meine alte .vimrc war weg. Und das vim das auf meinem Debian läuft ist erstmal ziemlich nackt. Ich hab eine Woche gebraucht um es wieder halbwegs so einzurichten wie ich's haben will – mit neovim, ein paar Plugins, einem ordentlichen Statusbar, Syntax-Highlighting das nicht aus den 90ern aussieht. Die Zeit war gut investiert.

Was besser ist als bei VSCode

Geschwindigkeit, ganz klar. Vim öffnet sofort. Keine zwei Sekunden Ladezeit, kein "Extension host is starting", kein plötzlicher Speicheranstieg wenn man die falsche Datei öffnet. Für schnelle Edits, Konfigurationsdateien, SSH-Sessions auf Servern – unschlagbar.

Und der Fokus. Vim zwingt einen irgendwie dazu sich zu entscheiden was man gerade macht. Man ist entweder im Normal-Mode oder im Insert-Mode. Man navigiert oder man schreibt. Das klingt nach Einschränkung, fühlt sich aber nach einer Weile nach Klarheit an.

Was schlechter ist

LSP-Integration braucht Konfiguration. Git-Integration braucht Konfiguration. Eigentlich alles braucht Konfiguration. Wer einfach loslegen will ohne tagelang .vimrc-Beispiele zu lesen, ist bei VSCode besser aufgehoben. Das ist kein Vorwurf an Vim, das ist einfach was es ist.

Und ja – ich benutze jetzt wieder Vim. Hauptsächlich. Für React-Projekte mit komplexerem Type-Kram nehm ich noch manchmal VSCode. Aber für alles andere: Vim. Und ich hasse mich dafür kein bisschen mehr.


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